Von Aleppo nach Hamburg (25) – Liebe kommt von ganz allein

Frank ist immer wieder für eine Überraschung gut. Während er in einem Café sitzt und einen Muffin verdrückt, erzählt er fast beiläufig, dass ein naher Verwandter in Hannover vielleicht am Sonntag heiratet. Ich frage: „Wie vielleicht?“ Statt mich aufzuklären, schiebt er direkt hinterher: „Und ich heirate vielleicht auch bald.“

Vor Überraschung falle ich fast vom Stuhl. „Wie, heiraten, ich wusste ja nicht mal, dass Du eine Freundin hast.“ Frank macht den Rücken gerade, holt tief Luft und sagt: „Kathrin, bei uns in Syrien läuft das anders.“ Er habe kürzlich einen Freund gefragt, ob der nicht eine Frau für ihn hätte (nein, er habe ihn dafür nicht bezahlt). Nach einiger Suche fand er eine Familie, die eine 18-jährige Tochter zur vermählen hat. „Ich bin dann zu dem Vater gegangen, wir haben einen Tee getrunken, und er hat eingewilligt.“ Wir sind jetzt verlobt. Sie habe auch „ja“ gesagt, schiebt er noch schnell hinterher.

Vorname der Braut – egal!

„Aha, und wie heißt sie, und was macht sie, wie sieht sie aus….“. Ich habe tausend Fragen. „Ich weiß nicht, wie sie heißt, aber es ist doch egal, ob ihr Name Anna oder Fatima ist, Hauptsache sie hat weiße Haut“, das sei ihm am wichtigsten. Die Chancen dafür stehen allerdings nicht so gut, denn Vater und Bruder haben offenbar eher dunklere Haut, da könnte es eine Überraschung geben. Und worüber er sich denn als 33-Jähriger mit ihr unterhalten wolle, will ich wissen. „Ja, das bereite ihm tatsächlich selbst auch ein bisschen Kopfzerbrechen, aber dafür sei ja jetzt die Verlobungszeit gedacht. Da könnten sich beide immer mal für fünf Minuten oder auch eine Viertelstunde im Haus ihrer Eltern treffen und miteinander reden. Und: Liebe sei schließlich keine Frage des Alters.

Die Zukünftige ist offenbar noch nicht lange in Hamburg, spricht nur Arabisch – aber wichtig seien ja jetzt sowieso erst einmal Kinder. „Ganz schnell“, sagt Frank und grinst breit. Das wundert mich nicht, denn schließlich ist er für syrische Verhältnisse schon ziemlich alt, um Vater zu werden.

Arrangierte Ehen halten länger

Dass es absolut richtig ist, einfach so über den Kopf eines Mädchens zu entscheiden, daran hat er nicht den leisesten Zweifel. Arrangierte Ehen würden länger halten, das hätten Statistiken gezeigt, betont Frank nicht zum ersten Mal. Was das für Statistiken sind, wer sie erhoben hat und wo man diese nachlesen kann, lässt er offen. Klar ist für ihn auf jeden Fall. Der Mann sucht sich die Frau aus, nicht umgekehrt.

Für mich ist das alles fremd und überrascht mich für einen jungen studierten Mann, auch wenn es vielleicht in der Tradition so ist. Auch sein Wunsch nach einer Frau mit weißer Haut befremdet mich. „Also ich wäre wohl schon zu braun für Dich, oder“, sage ich und schiebe meinen Ärmel hoch. Er guckt ein bisschen verlegen.

„Kathrin, ist doch alles ganz einfach, wenn sie mir nicht gefällt, dann löse ich die Verlobung einfach wieder und suche mir eine andere, das habe ich schon zwei Mal in Syrien gemacht.“ Wow, ein echter Schwerenöter, dieser junge Syrer, der immer so kindlich lächelt, aber da kann er wohl echt beinhart sein.

Plötzlich klingelt das Telefon, der Schwiegervater in spe. Das ist ein Problem, denn wir beide sitzen in einem Café, wo gerade sehr laute Popmusik spielt und die Menschen wild durcheinander reden. Frank schaut aufs  Display. Was tun? Wenn er jetzt abnimmt, könnte alles vorbei sein. Wir trinken schnell aus, damit er draußen zurückrufen kann.

 

Über Kathrin Erdmann

Was das soll… der Journalismus ist schnelllebig und manchmal ist in einem Hörfunkbeitrag noch längst nicht alles gesagt. In diesem Blog soll es um aktuelle Fragen der Bildungs- und Zuwanderungspolitik gehen. Er möchte Denkanstöße geben, Absurditäten aufzeigen und hoffentlich zur Diskussion anregen