Von Aleppo nach Hamburg (23) – Lack, Leder und nackte Brüste

Nicht nur ‚rumsitzen, sondern etwas unternehmen und dabei ein Stück Deutschland zeigen. Das versuche ich gelegentlich mit Frank, dem syrischen Flüchtling, der seit gut einem Jahr in Hamburg lebt. Vor kurzem wollte ich mit ihm in die Ausstellung „Visual Leaders“ in die Deichtorhallen gehen. Ich schrieb ihm den Vorschlag, er antwortete prompt: „Das ist eine schöne Idee.“ Als wir uns treffen, merke ich schnell, dass er das Wort Ausstellung gar nicht verstanden hat. Wir gehen trotzdem hin.

Nachdem er am Eingang seine Sozialkarte aus der Tasche gezogen hat und dann klar wird,   dass er syrischer Flüchtling ist, darf er zu unser beider Überraschung kostenlos rein.

Schon bei den ersten Fotos macht Frank große Augen. Nackte Brüste strecken sich ihm entgegen, mal pur, mal im Netzhemd. Er lächelt, dreht sich zu mir und sagt: „Kathrin, ich muss schnell heiraten.“ Ich weiß, dass er seit seiner Ankunft allein ist, aber deshalb gleich heiraten?! Aber das an anderer Stelle…. Auf jeden Fall macht er ein hoffnungsvolles, freudiges Gesicht – noch!

Die ersten Fragezeichen in den Augen hat Frank bei der Modestrecke einer jungen Frau, die für Männerkleidung wirbt. „Öh, was ist denn das?“. Ich kann es ihm auch nicht erklären.

Hinter der nächsten Ecke dann, weiß Frank gar nicht, ob er hin- oder weggucken soll. An einer Wand hängen ausschließlich Fetischbilder von Florian Müller. Männer (oder Frauen) in Lack- und Ledermontur sind mal als Hund verkleidet, stehen mal als „Tarnpferd“ vor einem echten Pferd auf einer Wiese. Frank verdreht die Augen und signalisiert mir, dass er sich übergeben möchte. „Was ist das?“, fragt er mit ungläubigem Blick. Es ist knallvoll und heiß im Museum und mir wird gerade noch heißer. Ich versuche ihm in einfachen Worten das Wort Fetisch zu erklären, andere Besucher gucken mich an (oder bilde ich mir das nur ein?). Und dann muss ich schallend lachen – „ja, ich finde das auch seltsam, viele andere Leute auch, aber verboten ist das bei uns nicht, das gehört eben zu unserer Demokratie.“

Ebenso wie die Männer, die sich als Frauen verkleiden, die in der nächsten Reihe auf uns warten und Frank lasziv von der Wand aus anstarren. Auch das kennt er offenbar nicht aus Aleppo, oder hat er vielleicht nie gesehen.

Obwohl die Ausstellung insgesamt sehr vielfältig ist, schaut Frank viele Fotos anschließend nur noch oberflächlich an. Am Ende sagt er artig: „Danke Kathrin, es war eine schöne Idee.“

Ich glaube, es war eher ein Kulturschock – und eine schlechte Idee?

 

Über Kathrin Erdmann

Was das soll… der Journalismus ist schnelllebig und manchmal ist in einem Hörfunkbeitrag noch längst nicht alles gesagt. In diesem Blog soll es um aktuelle Fragen der Bildungs- und Zuwanderungspolitik gehen. Er möchte Denkanstöße geben, Absurditäten aufzeigen und hoffentlich zur Diskussion anregen