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Von Aleppo nach Hamburg (29) – neue Wohnung und endlich heiraten

Was Frank neben seinem beruflichen Fortkommen beschäftigt, ist seine persönliche Situation. Schon seit längerem hat er zwar eine eigene Wohnung, aber die besteht nur aus einem Zimmer mit Küche, Bad und einem kleinen Winterbalkon. Und sie liegt nicht im Stadtzentrum. „Ein Freund von mir hat jetzt direkt am Fischmarkt eine ganz tolle Zwei-Zimmer-Wohnung gefunden, so etwas will ich auch“. Ob die nicht ganz schön teuer sei, will ich wissen. Nein, nur 500 Euro, und das bezahle der Staat auch, sagt Frank. Ob er sich nicht lieber erst einmal um den Job kümmern wolle, will ich wissen. „Ja auch, aber ich will auch unbedingt heiraten und Kinder bekommen.“ Immer wieder erzählt er davon, doch offenbar gelingt es ihm nicht, die richtige Frau zu finden. Eine Verlobung mit einer Syrerin hatte er gleich wieder gelöst, sie passte ihm dann doch nicht, obwohl er sie gar nicht kannte. War sie ihm vielleicht mit 18 Jahren doch zu jung? Er rückt nicht richtig raus mit der Sprache, auf jeden Fall brauche er schon mal eine größere Wohnung für das geplante Kind.

Ich merke, dass ich diese Art des Denkens schwer nachvollziehen kann und auch die Tatsache, dass ihm eine Frau hier offenbar nur Mittel zum Zweck sein soll. Ob sich das mit der Zeit in Deutschland ändert? Oder ist das auch eine Art der Toleranz, es einfach so zu akzeptieren, wie er es aus seiner Heimat, seiner Familie kennt? Schließlich ist es sein Leben. Aber ich komme nicht umhin, auch an die potentielle Kandidatin zu denken.

Sonderprogramm syrische Flüchtlinge – ein Kommentar:

Deutschland hat die die ersten 107 Syrer aus dem Libanon aufgenommen. 5000 sollen es mal werden. Bloß wann? Weit ist die Politik bisher nicht gekommen, wenn man bedenkt, dass seit März 2011 in Syrien gekämpft wird. Im März dieses Jahres hat Deutschland die Aufnahme der Flüchtlinge beschlossen, mittlerweile haben wir September, und jetzt – also sechs Monate später – kommen gerade mal 100.
Dabei haben die Politiker offensichtlich übersehen, dass sich 250 weitere der ausgesuchten Flüchtlinge bereits selbst auf den Weg nach Deutschland gemacht haben. Sie wollten nicht auf den vom Bund gecharterten Flug warten. Ein bisschen peinlich ist das schon, die Herren Innenminister, oder?
Zwar gelten für die Neuankömmlinge besondere Privilegien: Sie können einen Integrationskurs besuchen, dürfen sofort arbeiten und können ohne Asylantrag mindestens zwei Jahre in Deutschland bleiben. Vor dem Hintergrund, dass diese Flüchtlinge als besonders schutzbedürftig gelten – ein Drittel der heutigen Ankömmlinge sind Kinder – dürfte jedoch gerade eine Arbeitsaufnahme eher unrealistisch sein.
Viele Innenminister fordern derzeit, mehr syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Das verwundert, denn sie selbst haben in ihren Ländern einen Erlass in Kraft gesetzt, der diesen Zuzug im Grunde erschwert. Richtig ist: Syrer können damit leichter einreisen. Doch ob sie auch kommen, steht auf einem ganz anderen Blatt, denn für eine Einreise gilt: Man braucht Verwandte mit sicherem Aufenthaltsstatus, die bereit sind, von der Unterkunft bis zur Lebenshaltung alle Kosten zu tragen. Bei aller Liebe zur Familie und trotz der großen Not: So mancher Syrer kommt hierzulande vielleicht doch ins Grübeln, ob er das finanziell stemmen kann. Und wie lange soll er die Verwandten dann versorgen, wird irgendwann der Staat einspringen? All‘ das sind offene Fragen mit denen die Bundesländer und der Bund hier lebende Syrer allein lassen. Einziger Lichtblick: Auch diese Verwandten dürfen meist sofort in Deutschland arbeiten – das ist ein echtes Novum.
Dieses Novum gilt nicht für die 15.000-18.000 Syrer, die seit Kriegsausbruch ganz ohne Sonderprogramm Asyl in Deutschland beantragt haben und schon hier leben. Sie müssen monatelang auf eine Entscheidung warten, und wenn sie über ein europäisches Drittland eingereist sind, auch mit einer „Rücküberstellung“ in selbiges rechnen.
So oder so, die Zahl der von Deutschland bisher aufgenommen syrischen Flüchtlinge ist geradezu lächerlich gering. Zum Vergleich. Im Libanon halten sich mehr als 700.000 auf, in der Türkei 400.000. Die heutige Begrüßung der rund 100 Menschen ist eine Farce vor dem Hintergrund der täglichen Ereignisse in dem bürgerkriegsgeschüttelten Land.
Deutschland sollte deshalb schnell und unbürokratisch helfen, ja. Aber es sollte auch dringend europäische Solidarität einfordern, denn diese Herausforderung kann nur gemeinsam bewältigt werden. Europa muss in der Flüchtlingsfrage endlich an einem Strang ziehen, die Lasten gleich auf allen Schultern verteilen.
Sonst bleiben Aktionen wie die jüngste der Hauch eines Tropfens auf den heißen Stein.

gesendet bei NDR Info.

Bundestagswahl 2013: Migranten kaum vertreten

Bei der Bundestagswahl am 22. September spielt die Stimme von Migranten eine nicht unerhebliche Rolle. Fast 6 Millionen Menschen aus Zuwandererfamilien sind wahlberechtigt. Das entspricht neun Prozent aller Wahlberechtigten in Deutschland. In der Gesamtbevölkerung liegt der Migrantenanteil um ein Vielfaches höher, in der Politik sind Zuwanderer jedoch immer noch unterrepräsentiert. Nur drei Prozent aller Kandidaten für die Bundestagswahl stammen aus Zuwandererfamilien.