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Ein Jahr Jugendberufsagentur: Hamburgs Weg gegen Jugendarbeitslosigkeit

Die 10. Klasse ist vorüber, und was kommt dann? Junge Schulabgänger ohne Ausbildungsplatz verlieren sich danach nicht selten im Wirrwarr der Institutionen. Damit das nicht mehr passiert, hat Hamburg vor einem Jahr die ersten Jugendberufsagenturen eingerichtet. Alle potenziellen Ansprechpartner von Arbeitsagentur, Jobcenter, Schulbehörde und Bezirksverwaltung sitzen jetzt an einem Ort. Das Ziel: Kein Schulabgänger soll mehr aus dem System fallen – jedenfalls nicht bis zum 25. Lebensjahr.

Wer sich als Journalist aufmacht, dieses Gebilde zu verstehen, braucht Geduld. Die Schulbehörde zögert auf Anfrage nach einer einjährigen Bilanz ewig mit einer Antwort. „Abstimmungsprobleme“, heißt es lapidar. Immerhin wird man dort auf die Netzwerkstelle verwiesen, die Stelle, bei der alles zusammenläuft. Erstaunlich, dass dieses Wort bei der Agentur für Arbeit nicht einmal gefallen ist, wenn man dort um eine Einschätzung zur Sache bittet. Stattdessen erfährt man, dass es jetzt wirklich eine Neuerung ist, dass die verschiedenen Rechtskreise (aufblitzende Fragezeichen in den Augen der Journalistin) jetzt alle zusammen in einem großen Raum sitzen. Natürlich nicht Kreise, sondern Menschen. Am Empfang steht schon mal ein fröhlicher junger Mann, der mit seinem Hüftschwung den Pressesprecher kurzfristig so verwirrt, dass man sich sofort fragt: Ist das der frische Wind in der Agentur für Arbeit? Ganz hinten – in zwei Extra-Räumen sitzen dann die Mitarbeiter die sich um die wirkliche Vermittlung der jungen Arbeitssuchenden kümmern sollen. Sie sind auch die einzigen, die nachmittags noch da sind, sonst sieht es schon eher verwaist aus in der neuen Jugendberufsagentur. Auch der Chef der Arbeitsagentur bemüht sich redlich zu erklären, was denn nun viel besser läuft und wo es noch Probleme gibt. Ja, natürlich müssten die Menschen auch noch lernen, zusammen zu arbeiten oder eher zusammen zu wachsen, aber das sei wohl selbstverständlich.
Aber immerhin gebe es jetzt Hilfe aus einer Hand, und das sei doch gut. Das bestätigt später eine Lehrerin, aber sie sagt auch: Es gab vorher eine sehr gute Anlaufstelle für Schüler, um sie auf das Berufsleben vorzubereiten, doch die wurde zugunsten der Jugendberufsagentur aufgelöst. In der damaligen Arbeitsstiftung haben gut vernetzte Mitarbeiter mit den Schulabgängern Praktikumsplätze und Ausbildungsstellen gesucht, sie beim Bewerbung schreiben unterstützt. Der damalige Leiter, Sönke Fock, der allerorten für sein Engagement gelobt wurde, musste seinen Platz räumen und wurde zum Chef der Arbeitsagentur Hamburg gemacht. Besonders glücklich wirkt er dabei nicht, aber das ist eine andere Geschichte.

In der Stadtteilschule in einem schwierigen Hamburger Stadtteil macht sich der Verlust der öffentlichen Stiftung offensichtlich bereits bemerkbar. Innerhalb eines Jahres sei die Zahl der in Ausbildung vermittelten Jugendlichen deutlich zurück gegangen, berichtet die zuständige Lehrerin.

Schülerinnen und Schüler, die nach der 10. Klasse noch keinen Ausbildungsplatz oder etwas anderes in Aussicht haben, werden an die Jugendberufsagentur gemeldet, an die bereits erwähnte Netzwerkstelle. Von dort werden die Jugendlichen angeschrieben, nochmals angeschrieben und zur Not auch zu Hause besucht. Das komme aber sehr selten vor, sagt der zuständige Leiter der Netzwerkstelle. Aus anderen Quellen heißt es, das komme praktisch gar nicht vor. Den Eltern, so versichert der Netzwerkstellenleiter, gefalle das hartnäckige Auftreten der Behörden. Und auch bei den Schülern in der Stadttteilschule kommt es gut an, dass sich „endlich jemand um uns kümmert“. „Das war bisher nie so“, sagt ein 16-Jähriger.

Wie viele Briefe geschrieben, wie oft Schüler zu Hause aufgesucht wurden und wie viele möglicherweise doch durchs Netz gefallen sind, konnte oder wollte niemand klar beantworten. Nicht einmal eine Richtzahl wird genannt. Verständlich, denn die Hamburger Jugendberufsagentur steht unter Erfolgsdruck. Hamburg ist das erste und einzige Bundesland, das für dieses Modellprojekt ausgewählt wurde. Aus dem In- und Ausland haben sich Experten für das Modell „keiner soll verloren gehen“ interessiert. Zweifelsohne eine gute Idee, aber die Recherche zeigt auch: Es sind viele Akteure im Spiel, jeder will und soll seinen Anteil haben, der bürokratische Aufwand ist enorm, erheblicher Abstimmungsbedarf ist erforderlich, um die Jugendlichen zu kontrollieren. Wenn diese aber vorher besser gefördert würden, wäre ein solcher Aufwand möglicherweise gar nicht erst nötig.