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Rojava: Wo Öcalans Ideen gelebt werden

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich im Norden Syriens eine Selbstverwaltung gegründet. In der mehrheitlich von Kurden bewohnten Region versuchen die Menschen mitten im Krieg ein System aufzubauen, dass ohne staatliche Institutionen auskommt. Im Sommer soll in der Region Rojava, die Ende des Jahres ihre Unabhängigkeit ausgerufen hat, erstmals gewählt werden. Ideengeber für diese Form der Politik ist der seit nunmehr 15 Jahren inhaftierte PKK-Führer Abdullah Öcalan. Er hat 20 Jahre im syrischen Exil gelebt, viele Kurden aus aus Syrien hatten sich dem bewaffneten Kampf der PKK angeschlossen. Ich war Anfang des Jahres in der schwer zugänglichen Region. Meine Eindrücke kann man hier hören:

Syriens Kurden suchen dritten Weg

Tag und Nacht wird hier kontrolliert
Tag und Nacht wird hier kontrolliert
Der Norden Syriens hat viel Erdöl, doch es wird kaum gefördert, weil die Pipeline zu den Islamisten führe, heißt es.
Der Norden Syriens hat viel Erdöl, doch es wird kaum gefördert, weil die Pipeline zu den Islamisten führe, heißt es.
Besuch bei der "Truppe": Zur kurdischen Miliz gehören auch ein Drittel Frauen
Besuch bei der „Truppe“: Zur kurdischen Miliz gehören auch ein Drittel Frauen

Marx in Kurdistan

Holperig und dunkel ist der Weg zum Ölmillionär, irgendwo in Suleimaniyah, einer Stadt in der autonomen kurdischen Region im Irak (seit 2005). Von einem Kreisverkehr führt ein verlassener Weg hinauf, vorbei an Maschendrahtzäunen, hinter denen Brachland liegt. Dem unkundigen westlichen Besucher, der hier – wie ich – einen Politiker begleitet – wird durchaus ein wenig mulmig: Springt da jetzt von links oder rechts gleich irgend ein Verrückter mit vorgehaltener Waffe aus dem Gebüsch?! Es klingt abenteuerlich, aber Waffen gehören hier zum Alltag, und sei es nur die Pistole unter dem Fahrersitz.

Nach mehreren hundert Metern Fahrt in völliger Dunkelheit, taucht zur Rechten eine weiß getünchte Villa auf. Mitten im Nichts erhebt sie sich majestätisch in der flachen Landschaft, leuchtet in den Nachthimmel hinein. Direkt vor dem prächtigen Aufgang steht der Hausherr, schwarze Hose, schwarzes Hemd, weiße Krawatte, neben ihm eine Reihe deutlich jüngerer Männer. Nach zahlreichem Händeschütteln betritt man eine immense Eingangshalle. Der Kronleuchter ist so riesig, dass man sich unweigerlich fragt, wie es wohl klingt, wenn er von der Decke auf den reich mit Obst und Nüssen gedeckten Tisch fällt. Keine schöne Vorstellung. Nicht weniger beeindruckend ist der originalgetreue Tiger mit seinen beiden Jungen mitten im Raum, sind sie doch nicht etwa aus edlem Porzellan, sondern aus Plastik.

Plastiktiger und Alkohol in Kurdistan
Plastiktiger und Alkohol in Kurdistan

An den Wänden hängen überall Bilder, mal Frauen in sanften Schattierungen,an anderer Stelle wird heftig gekämpft, dazwischen schmettert eine schwarze Frau ins Mikrofon – in Form einer Skulptur. Und natürlich fehlt auch das Idol des Hausherren nicht: Abullah Öcalan, der vor 15 Jahren fest genommene PKK-Führer. „Wenn er frei kommt, hat er hier ein Zimmer“, flötet der Hausherr sogleich und setzt sich auf seinen überdimensionierten goldenen Stuhl.
Links von ihm darf der männliche Ehrengast Platz nehmen, in diesem Fall ein Abgeordneter aus dem Bundestag. Der weiß auch nicht so recht, wie ihm geschieht, schließlich wird ihm in Deutschland als Oppositionspolitiker so eine Ehre eher selten zuteil. So sitzen die beiden Männer, die ihre Jugend schon hinter sich gelassen haben, auf den goldenen Stühlen, zwischen ihnen mehrere Flaggen, die deutsche fehlt, dafür ist die kurdische gleich doppelt vertreten, eine andere repräsentiert den Irak – immerhin, denn schließlich gehört die autonome Region Kurdistan zum Irak und muss ein Großteil ihrer Einnahmen (vorwiegend aus dem Ölgeschäft) an Bagdad überweisen.

Die anderen Gäste dürfen es sich derweil im angemessenem Abstand auf gemütlichen Sofas bequem machen und den Ausführungen des Hausherren lauschen. Der hat, so erzählt er nicht ohne Stolz, in Russland studiert und dort lange gelebt. Dann sei er in seine kurdische Heimat zurückgekehrt und ins Ölgeschäft eingestiegen. Während die Gäste nicken und lächeln und nicht wissen, ob sie über diesen Prunk lachen oder auf ihn neidisch sein sollen, lässt sich der Hausherr eine Zigarre in den Mund stecken. Während er so vor sich hinpafft, lernen wir, dass dieses prächtige Haus mit den schweren Vorhängen und einer geschwungenen Treppe zur Empore in den oberen Stock nur eines von sieben ist und er sich nur selten hier aufhält. Vielleicht ein Haus für jeden Wochentag?!
Wehe dem, der den Hausherren jetzt für einen Kapitalisten hält. Nein, er sieht sich als echten Linken. Und deshalb übersetzt er in seiner knapp bemessenen Freizeit auch gerade „Das Kapital“ von Marx ins Kurdische. Aber natürlich nicht aus dem Deutschen, sondern aus dem Russischen, denn Deutsch spricht der Ölmulti nicht.

Zufrieden mit sich und seiner großen Gästeschar an diesem Abend, schaut er in die Runde. Zwei junge Männer rollen mit kleinen Wagen voller Alkoholika in das Großraumwohnzimmer. Säkulare Muslime sind schon was Schönes, denkt sich der Besucher. Wodka, Rum: Für jede Sorte ein Wagen. Wer ein Glas nimmt, behält gleich die Flasche auf dem Beistelltisch. Es ist ja genug von allem da. Hin und wieder lässt es sich der Hausherr nicht nehmen, selbst einzuschenken. Wenn er auf seinem Thron Platz nimmt, streicht er sich dann und wann langsam über seinen runden Bauch. Das Mahl ist üppig und traditionell. Abermals in Erstaunen versetzt den westlichen Besucher eine kurdische Spezialität aus der Region. Mit einer Fleischgabel lässt er eine Kugel von der Größe eines Straußeneies auf jeden Teller plumpsen. Die Außenhaut ist blassgelb und besteht aus Kuhmagen – in Spanien und Frankreich eine Spezialität, in Deutschland Hundefutter. Doch die Hülle ist zum Glück nur Deko für einen gehaltvollen Schatz: Nach einem kurzen Schnitt kommt vor Butter glänzender Reis mit Mandeln und Rosinen zum Vorschein.

Nach Bergen von Hühnchen und Lammfleisch, die ein Dutzend junger Helfer in der offenen Küche zubereitet hat, erheben sich alle langsam vom Esstisch und lassen sich wieder in die weichen Sofas fallen. Nur dem Bundestagsabgeordneten bleibt dies vergönnt. Er muss wieder auf den goldenen Thron zurück, kerzengerade sitzen, den Plastiktiger fest im Blick.

Waffen müssen draußen bleiben - das klebt an jeder Hoteltür
Waffen müssen draußen bleiben – das klebt an jeder Hoteltür