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§103 StGB – schon 1967 kam der „Schah-Paragraf“ zur Anwendung

Auch wenn man diesen Eindruck gewinnen könnte: Der Satiriker Jan Böhmermann ist nicht der erste, der mit dem §103 StGB zu kämpfen hat. Schon 1967 sollte sich ein Deutsch-Iraner wegen „Majestätsbeleidigung“ vor einem deutschen Gericht verantworten. Sein mutmaßliches Vergehen: Er war  an den Protesten gegen den Schah-Besuch in Deutschland maßgeblich beteiligt.

Ich habe die Geschichte für NDR Info erzählt.

Zum Nachlesen auch hier auf NDR Info

 

Atomabkommen mit dem Iran – das hofft die Opposition im In-und Ausland

Bis Ende Juni soll er endgültig Geschichte sein: Der Atomstreit mit dem Iran. Die Menschen im Iran hoffen, dass dann endlich auch die Wirtschaftssanktionen gegen das Land gelockert werden und die Preise sinken – die Lebenshaltungskosten sind insgesamt etwa so hoch wie bei uns, das durchschnittliche Einkommen liegt jedoch bei rund 1200 Euro und ist damit deutlich niedriger als das deutsche. Wie die Zeit nach einem Atomabkommen aussehen kann, beschäftigt auch zahlreiche Oppositionspolitiker und Aktivisten. Längst arbeiten sie grenzüberschreitend. Ich habe zwei von ihnen getroffen – in Teheran und Hamburg:

gesendet im Echo der Welt – die Themen

Homepage von Kourosh Zaim

Hot man, excellent dancer – iranische Männer unter Druck

Langsam aber gezielt pirscht er sich an seine potenziellen Opfer heran. Ich sitze gerade eine Minute allein auf einer Bank in der iranischen Stadt Isfahan, als er sich tänzelnd vor mir aufbaut und im besten Englisch loslegt: „Hello, I’m Hamed or hot man, excellent dancer“, sagt er selbstbewusst, um gleich nachzuhaken, ob ich eine Mischung (also halb Iranerin, halb was anderes) oder nur Ausländerin sei. Meine Antwort beruhigt ihn, denn mit rein iranischen Frauen will er nichts zu tun haben – „die kosten immer nur Geld“….nach einem kurzen Plausch und der Weitergabe seiner Telefonnummer verschwindet er ebenso ins Nichts aus dem er zuvor gekommen war. Einen Tag später sprudelt der „hot man“ immer noch vor Energie und empfiehlt sich mir sogleich als neuer Ehemann. „Du machst so einen guten Eindruck auf mich, und ich möchte dass wir heiraten und dann irgendwo in Asien oder hier im Iran zusammenleben“, überrascht er mich. Als kleinen Einstieg will er mich zum Essen in seine Wohnung einladen „mit Massage und Rotwein“. Als ich sein All-inklusive-Angebot lachend aber nachdrücklich ablehne, hat er es plötzlich sehr eilig. Er drückt mir noch seine Visitenkarte in die Hand und meint: „Wenn Du Freundinnen in Deutschland hast, die noch keinen Freund haben, kannst Du sie herschicken….“

Frust auf ganzer Linie
Ali* könnte eine Hauch von Hamids Selbstbewusstsein gut gebrauchen. Er ist auf ganzer Linie frustriert und repräsentiert damit vielleicht einen Teil der jungen Männer, die im Iran nicht zur wohlhabenden Klasse gehören. Seit einigen Jahren arbeitet der 32-Jährige im Tourismus, „aber die Auftragslage ist trotz steigender Touristenzahlen dünn“. Wenn man nicht an einen großen Konzern angebunden sei sondern individuelle Angebote mache, sei es schwer. Dass er vielleicht mit einer eigenen Homepage für sich selbst werben könnte, ist ihm noch nicht eingefallen. Das Geld sei knapp, sagt er immer wieder, doch das – so stellt sich nach mehreren Stunden Gespräch heraus – ist nicht Alis größtes Problem. „Ich möchte endlich eine Frau finden, Kinder haben, ich bin ja schon 32 Jahre alt, aber es klappt einfach nicht“, und guckt wirklich sehr traurig. Seltsam, er scheint ein netter Kerl zu sein, ehrlich, rechtschaffen – nun gut, ein bisschen wenig Haare hat er, aber das Problem haben andere Männer auch.

„Erst vor kurzem hatte ich wieder eine Freundin, ich wollte sie heiraten, aber sie hat abgelehnt“, fährt er fort. Ali ist zwar gutmütig, verweigert sich aber einer iranischen Tradition. Er will die Brautabgabe, die sogenannte Mehrieh, nicht bezahlen und weist damit auf ein Dilemma von vielen iranischen Männern. Die Mehrieh, die von der Ehefrau jederzeit verlangt werden kann, ist in den vergangenen Jahren im Iran immer höher gestiegen. Ali sollte umgerechnet mehr als 100-tausend Euro zahlen. Viel Geld, liegt doch das iranische Monatseinkommen knapp über 1000 Euro. Weil sich Männer dazu bei einer Heirat schriftlich verpflichten, findet sich mancher Ehemann inzwischen im Gefängnis wieder. Die Frauen können diese Summe einklagen und machen davon auch Gebrauch. „Aber ich möchte, dass mich eine Frau aus Liebe und nicht wegen des Geldes heiratet“, sagt Ali. Er wünscht sich mehr Freiheit, die Möglichkeit vor der Ehe mit einer Frau zu leben, mit ihr zu schlafen, den Alltag zu teilen, wünscht sich, dass auch sie zum Lebensunterhalt beiträgt. Dass er eine solche Iranerin noch in seinem Land findet glaubt er immer weniger.

Angst vor dem Alter
Das sieht Dariush* viel gelassener. Der 30-Jährige hat es mit einem kleinen Schnellrestaurant zu einem kleinen Wohlstand gebracht. Gerade baut er ein Haus mit Pool „für die Partys am Wochenende“. In sechs Monaten will Dariush heiraten, seine Zukünftige – eine Architektin – will natürlich auch eine Mehrieh „aber nicht so eine hohe“, versichert sie eilig, ohne eine konkrete Summe zu nennen. Als die Freundin noch nicht da ist, erzählt er mir freimütig: „Ich mag meine Freundin, aber ich mag auch Sex, und den gibt es mit ihr noch nicht, deshalb habe ich dafür eine andere“, und zieht sofort das Handy aus der Tasche, um mir seine Geliebte zu zeigen. Die posiert mal mit rosa Schmollmund, mal streckt sie die Brüste im knappen, gelben Shirt raus, mal zeigt sie ihre schlanken Beine in Hotpants. „Alles Plastik an ihr, der Mund aufgespritzt, die Brüste vergrößert“, beschreibt Dariush seine Geliebte, „aber der Sex mit ihr ist super.“ Sie sei eine total freie Frau, Studentin mit einem reichen Vater, alles völlig problemlos. Dass das seiner künftigen Ehefrau gegenüber doch nicht ganz so nett sei, quittiert er mit einem „Ich bin doch ein Mann, ich brauche das, ohne geht nicht.“ Seine Freundin wird mich später fragen, ob es eigentlich in Deutschland (wie im Iran?) auch üblich sei, dass ein Ehemann eine Frau und eine Geliebte habe.

Dass seine Freundin etwas ahnt oder ihm auf die Schliche kommen könnte, glaubt Dariush nicht. Was ihn viel mehr umtreibt ist sein Alter (30) und der damit einsetzende körperliche Verfall. Um den aufzuhalten, hat er sich gerade Haare implantieren lassen. Wo es vorher dünn war, sprießt es jetzt wieder, wenn es auch noch etwas filzig und wenig echt aussieht. Als nächstes will er sich die Augenringe entfernen lassen. Und Dariush ist kein Einzelfall. Das Wartezimmer seines Arztes ist gut besucht.

*die Namen der Protagonisten wurden geändert

Buchtipp: Couchsurfing im Iran

Wer auf einer Reise viel erleben will und jeden Tag neue Menschen kennen lerne möchte, ist beim so genannten Couchsurfing genau richtig. Übers Internet bucht sich der Reisende dabei eine kostenlose Schlafgelegenheit bei einem fremden Menschen für eine oder maximal zwei Nächte. Das funktioniert inzwischen auf der ganzen Welt – sogar im Iran, wie Stephan Orth festgestellt hat. Der Autor und Journalist hat übers Couchsurfing im Iran jetzt ein Buch geschrieben.

gesendet auf NDR Info – hier kann man den Beitrag hören

Der iranische Mann – ein Antiheld?

Das legt jedenfalls das der neue Film der iranischen Regisseurin Rakhshan Banietemad „Tales“ nahe. Die Frauen geben in dem auf dem Filmfest Hamburg gezeigten Werk eindeutig den Ton an, selbst wenn sie – wie eine der Protagonistinnen – von ihrem Mann mit heißem Wasser übergossen und für den Rest des Lebens entstellt ist. Die Regisseurin erzählte im Anschluss, dass der Film in nur 17 Tagen entstanden ist. Begonnen hat sie mit dem Dreharbeiten bereits 2011, aber wegen der vielen Genehmigungen ist er erst jetzt fertig geworden. Im Iran soll er in diesem Herbst anlaufen – ein Kaleidoskop der iranischen Gesellschaft, das bisweilen sehr bedrückend ist.

die iranische Regisseurin Banietemad in HH
die iranische Regisseurin Banietemad in HH