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Flüchtlinge: Nach der Ankunft folgt die Ernüchterung

Die Welle der Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge ist in Deutschland unbeschreiblich groß. Doch wer den Weg hierher geschafft hat, auf den wartet meist alles andere als das Paradies. Die hilfesuchenden Menschen werden oft allein gelassen, das zeigt der verdeckte Aufenthalt einer NDR Info-Reporterin in der Zentralen Erstaufnahme in Hamburg.
Dazu mein Kommentar:

Es ist nur ein kleiner Gedanke an einen geliebten Menschen und schon wird einem warm ums Herz. Ein solches Gefühl kennt wohl jeder von uns. Aber ein warmes Gefühl beim Gedanken an ein Land?
Das hatte ich in den vergangenen Tagen zum ersten Mal. Ich traue es mich kaum zu sagen, aber: Ich bin stolz auf Deutschland, auf die unglaubliche Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge. Menschen schleppen Taschen voller Kleidung, bringen Essen und helfen beim Sortieren, Verteilen und mancher nimmt sogar den einen oder anderen Flüchtling bei sich zu Hause auf. Welch‘ Glück ich habe in so einem reichen Land zu leben. Wo die Menschen nicht nur materiell jetzt viel geben. Da wird mir warm ums Herz.
Doch bei aller Euphorie, darf dies den Blick auf die andere, vielleicht die kalte Seite nicht verstellen. Wenn das Blitzlichtgewitter vorbei ist und die Flüchtlinge mit ihren Kuscheltieren, Bananen und Winterjacken in die Zentralen Erstaufnahmen kommen, ist von Wärme oft nicht viel übrig. Feldbetten in Fluren, eine Handvoll Toiletten für viel zu viele Flüchtlinge, Dreck, Müll und fehlende Dolmetscher. Dazu Sozialarbeiter am Anschlag, ruppiges und übermüdetes Wachpersonal.
Nicht selten sind die Flüchtlinge geschockt und fragen sich: All‘ das habe ich auf mich genommen, um jetzt so behandelt zu werden? Auch viele Einwanderer, die seit Jahren hier leben, schämen sich bisweilen jetzt für diese Bedingungen in Deutschland.
Man könnte jetzt die Schuldfrage stellen, aber der Blick zurück ist jetzt nicht der dringlichste. Stattdessen müssen Journalisten immer wieder über Missstände in den Unterkünften berichten, damit die Politik nicht nur von Flexibilität redet, sondern auch so schnell wie möglich handelt.
Auch wenn Deutschland derzeit in einer absoluten Ausnahmesituation ist, muss es die Standards für eine menschenwürdige Unterbringung und Behandlung aufrecht erhalten. Sonst nützen die ganze schöne Willkommenskultur und die warmen Worte nichts.

hier auch der Link zur Geschichte auf der der Kommentar beruht von meiner Kollegin Alena Jabarine

Von Aleppo nach Hamburg (20) – ein eigenes Zuhause

Monatelang hat Frank gesucht, nichts anderes hat ihn so sehr beschäftigt wie die Wohnungssuche. Er wollte unbedingt sein eigenes Heim haben, die Tür hinter sich schließen können, um zur Ruhe zu kommen. Kreuz und quer ist er durch Hamburg gefahren, hatte das Gefühl, man benachteilige ihn als Ausländer ohne eigenes Einkommen.
Doch dann klappte es endlich. Seine erste, eigene Wohnung in Deutschland ist klein aber reicht. Ein Zimmer, kleine Küche, überdachter Balkon und ein sehr schön renoviertes Bad.
Ganz schnell hat sich Frank von überall Möbel gekauft, das meiste über das Internet – ein hübsches Regal, ein üppiges Sofa, ein Bett. Auf einem Beistelltisch stehen Kekse und Obst – wie er es aus Syrien kennt. Dauernd flitzt er rein und raus aus der Küche, um noch dies und das zu holen, er strahlt über das ganze Gesicht.
Er ist einen Schritt weiter. In Hamburg.

Kampf ums Kind: Mutter fühlt sich von Behörden allein gelassen

Wer sich mit dem Thema Jugendamt beschäftigt, braucht viel Geduld. Es gibt jede Menge Vorschriften, Interessen der Einzelnen, wenig Transparenz und natürlich den Sozialdatenschutz. Ein halbes Jahr lang habe ich für NDR Info den Fall einer Mutter recherchiert, die sich von den Hamburger Behörden allein gelassen fühlt. Es geht dabei um ihre heute siebenjährige Tochter. Seit Jahren streiten sich Mutter und ihr Ex-Partner um das Kind – hier ist mein Bericht.

und weil ja nicht alles ins „Format“ passt, kann man hier noch mehr lesen.

*alle Namen der Angehörigen wurden geändert

Für Spätentschlossene: Flüchtlingspolitik in HH

Noch sind die Wahllokale in Hamburg geöffnet, eines der Topthemen war die Flüchtlingspolitik. Sie hat den Hamburger Senat erheblich auf Trab gehalten, in vielerlei Hinsicht. Bilanz und Ausblick

gesendet auf NDR Info

Es war Mord – Gericht verurteilt Mutter zu lebenslanger Haft

Die Mutter der dreijährigen Yagmur ist wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Das Hamburger Landgericht sah es als erwiesen an, dass sie durch ihre ständigen, schweren Misshandlungen den Tod des Kindes billigend in Kauf genommen hat. Ich habe das Urteil für NDR Info heute so kommentiert:

Die Mutter steht auf dem Balkon und raucht, verzieht nicht eine Miene, vergießt keine Träne. Dabei liegt in der Wohnung ihr Kind. Die drei Jahre alte Yagmur. Sie hat eine blutverschmierte Nase, die Augen sind von schweren Schlägen grün-blau verfärbt, der Körper von blauen Flecken übersät, die inneren Organe schwer verletzt. Wenige Minuten zuvor hat sie aufgehört zu atmen, ihr Herz aufgehört zu schlagen. Und die Mutter steht auf dem Balkon und raucht. Sie ruft keinen Notarzt, nein, sie schreibt nur eine SMS an ihren Mann, der dann Hilfe holt.
Zum Abschluss des Yagmur Prozesses machte der Richter am Hamburger Landgericht noch einmal die ganze Grausamkeit und das entsetzliche, lange Leiden der dreijährigen Yagmur klar. Die Mutter habe ihr Kind grausam getötet, sei gefühllos und deshalb des Mordes schuldig. Obwohl es das Gericht als erwiesen ansieht, dass nur die Mutter das Kind geschlagen und misshandelt hat, verurteilte es auch den Vater zu viereinhalb Jahren Gefängnis. Er habe bei weitem nicht genug getan, um seine Tochter zu schützen und hätte mindestens in den letzten zwei Wochen vor dem Tod Yagmurs deren schlechten Gesundheitszustand erkennen müssen, so der Richter in seiner Begründung.
Positiv bewertet wurden hingegen seine aufrichtige Reue und Trauer sowie der Versuch, Hilfe bei Freunden und Verwandten einzuholen.
Das Kind tot, die Eltern gehen dafür hinter Gitter. Das Gericht bestraft sie damit zu Recht für ihre Taten und Versäumnisse als Vater und Mutter. Zugleich – und auch das macht der Richter sehr klar- zeigt der Fall die, so wörtlich „bedrückende Erkenntnis von erheblichen Versäumnissen, Nachlässigkeiten und Defiziten bei Behörden und Ämtern.“
An einem Tag wie diesem darf sich keiner derjenigen, die mit dem Fall befasst waren, zurücklehnen und aufatmen. Alle haben Schuld auf sich geladen, denn – das kann gar nicht oft genug erwähnt werden – die Mutter hatte ihr Kind direkt nach der Geburt in eine Pflegefamilie gegeben. Das Kind war also in Sicherheit und hätte so wie in den ersten Lebensmonaten auch – weiterhin friedlich aufwachsen können, wenn alle Beteiligten nur einen Zentimeter über den Tellerrand geschaut und das Kindeswohl im Blick gehabt hätten.
Das habe man, aber das Elternrecht stehe nun mal über dem Kindeswohl heißt es dann gern zur Begründung. Die Lösung dieses Problems versprechen sich viele durch die Aufnahme von Kinderrechten ins Grundgesetz. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn schon jetzt gibt es umfassende Kinderrechte.
Was es viel dringender bräuchte ist vielfach eine andere Haltung und sicher auch mal Mut, unbequem zu sein. Eltern die Stirn zu bieten, sich nicht einlullen zu lassen von schönen Versprechungen und Ausreden, sondern den gesunden Menschenverstand einzuschalten, wenn einem etwas merkwürdig erscheint. Jugendamtsmitarbeiter wollen nicht den Kontrolletti bei den Familien spielen, weil ihre Arbeit auf Vertrauen beruht. Doch das ist ein falscher Ansatz – vielmehr müsste eine ordentliche Kontrolle zum Selbstverständnis einer guten Arbeit dazugehören. Ebenso wie eine Fehlerkultur bei den Ämtern – Vorgesetze müssten diese offensiv fördern, denn nur aus Fehlern kann man lernen und in der Zukunft vermeiden.
Eine Garantie dafür, dass dann kein Kind mehr zu Tode kommt, ist das freilich nicht, aber es sinkt immerhin die Wahrscheinlichkeit, und das ist schon mal viel wert.

Hier auch noch der passende Link: