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Von Aleppo nach Hamburg (19) – ein sehr spezielles Geschenk

Frank lernt sehr gut Deutsch, auch beim Schreiben macht er nur kleine Fehler. Immer wieder fällt mir auf, dass er in unseren SMS Formulierungen von mir übernimmt und dann selbst in seine Sätze einbaut. Wenn er etwas nicht weiß, schlägt er es nach – zu meinem Geburtstag überraschte er mich zunächst mit folgender Nachricht:

„Bleib gesund und stets vergnügt, weil mir das am Herzen liegt.“

Einige Wochen später treffen wir uns. Es ist die erste Begegnung seit meinem Geburtstag. Frank kommt, einen Freund im Schlepptau, angeschlendert, an seiner Hand baumelt eine kleine Geschenktüte. „Liebe Kathrin, hier zu Deinem Geburtstag, ein kleines Geschenk“, hält er sie mir hin. Die Schokolade erkenne ich sofort, aber was ist das daneben?

Ich nehme es heraus und weiß nicht so recht, wie ich jetzt gucken soll. Frank schaut mich bereits erwartungsvoll und strahlend an. Doch der kleine Hauch der Enttäuschung dürfte ihm nicht entgangen sein, als ich etwas ratlos auf die sehr hochwertige „Anti-Aging-Crème“ in meinen Händen blicke.

„Öh, Danke“, stammele ich und merke, wie ich vor Verlegenheit rot werde. Ich erkläre ihm, dass das bei uns in Deutschland für eine Frau nicht so ein Kompliment, wenn man von einem Mann so ein Geschenk erhält. Eigentlich kann ich mir auch gar nicht vorstellen, dass das irgendwo auf der Welt anders sein soll – aber nachdem mich vor Jahren mal eine Afghanin mit den Worten „Kathrin, Du bist ja dicker geworden“ begrüßte und auch das als freundlich empfand, bin ich da heute nicht mehr so sicher.

Frank jedenfalls meinte es gut mit mir, wie er mir versichert: „Kathrin, nur damit Deine Haut so schön jung bleibt.“
Und dann lachen wir beide ganz laut.

Von Aleppo nach Hamburg (17) – was ist Pegida?

Irgendwo hat Frank es aufgeschnappt – in Deutschland gibt es seit einiger Zeit in einigen Städten Demonstrationen gegen Ausländer. Warum die Leute demonstrieren, das heiße doch irgendwie Pa- oder Pä- oder Pegida, will er von mir wissen. Ich versuche ihm die Gründe für die Proteste so sachlich wie möglich zu erklären, weise aber darauf hin, dass es auch sehr viele Gegendemos gibt. Frank, der syrische Flüchtling, der im vergangenen Herbst nach Hamburg kam, hat sich jedoch schon festgelegt. „Die Medien sind schuld“, poltert es aus ihm heraus. „Sie berichten immer schlecht über Muslime“, da sei das ja kein Wunder, wenn die Menschen demonstrieren gehen und gegen den Islam protestieren, meint er. Ich stimme ihm bedingt zu, sage aber auch, dass es viele Medien gibt, die positiv und sachlich über den Islam berichten bzw. erkäre, dass es in der Natur der Sache der der Medien liegt, Missstände aufzuzeigen. Aber Frank will davon erstaunlich wenig wissen, denn er ist sicher. „Wenn ein Muslim getötet wird, schenken ihm die Medien weit weniger Aufmerksamkeit als bei einem Juden“, so seine These. Ich versuche ihn davon zu überzeugen, dass seine Sichtweise zu pauschal ist. Aber wir kommen nicht zusammen. Ich kann eine leichte Enttäuschung nicht verbergen, denn schließlich wurde er hier nach seiner Flucht relativ gut aufgenommen – er hat ein Dach über dem Kopf, 400 Euro im Monat zum Leben, kann kostenlos Deutsch lernen, und er verfügt bereits über einen sicheren Aufenthaltsstatus. Theoretisch darf er sogar schon arbeiten.
Vielleicht hat er einfach nur einen schlechten Tag, weil er langsamer vorankommt, als er erwartet hatte.

Provozierende Kunstaktion – gut so!

Der Kollege wendet sich angewidert ab: Flüchtlinge exhumieren und in Deutschland beerdigen, das sei doch einfach eklig. Ja, die erste Reaktion des Zentrums für Politische Schönheit schockiert. Und sie spaltet. Ist das nicht ethisch-moralisch fragwürdig? Mag sein, wenn es denn wirklich so ist, und dennoch: Sind es nicht gerade Aktionen wie diese, die uns aus der eigenen Lethargie holen, die wachrütteln für die Grausamkeit, die Unmenschlichkeit und das Leid, dass jeden Tag über den Bildschirm flimmert. Es zeigt uns drastisch die Mitverantwortung der Politik, aber auch unsere Verantwortung, die wir gegenüber diesen Menschen haben, die ihre Heimat verlassen, alles aufgeben, um für sich ein Leben in Ruhe und Frieden zu leben. Etwas, dass für meine Generation völlig selbstverständlich ist. Die Aktion sorgt für Gesprächsstoff, sie hält das Thema am Leben, trägt dazu bei, dass wir nicht gleichgültig werden. Ob man dazu echte Leichen braucht, mag dahingestellt sein – aber es ist zumindest ein Versuch, sich in gewisser Hinsicht vor den Toten zu verneigen – ihnen stellvertretend für die vielen tausend Opfer, die das Mittelmeer schon verschluckt hat, Anerkennung für ihren Mut zu zollen.

Ein ausführlicher Bericht zur heutigen Aktion

Aufschreie wie diesen gibt es zu wenig – Kommentar meiner Kollegin Korinna Hennig
Aktivist Justus Lenz vom Zentrum für Politische Schönheit über seine Aktion

Nicht zum Spielball machen lassen

Auftakt einer übergriffigen Kampagne (übergriffig klingt ein wenig seltsam…)

Was soll das -fragt die faz

Von Aleppo nach Hamburg (15) – der gute Ruf der Deutschen

Für sein neues Zuhause in einem Wohncontainer hat sich Frank über Kleinanzeigen, Ebay und „zu verschenken“ eingedeckt. Für kleines Geld hat er sich so einen ganz kleinen Hausstand erworben. Dazu gehört zum Beispiel ein Wasserkocher für sieben Euro. „Den hat mir ein Deutscher verkauft, aber siehst Du, er ist an einer Stelle kaput“, beklagt sich Frank. „Aber warum hast Du Dir die Kanne denn nicht in Ruhe angeschaut?“, frage ich zurück.
„Er war Deutscher, da habe ich gedacht, da ist immer alles korrekt.“ Dass das längst nicht so ist, hat er jetzt verstanden.

Von Aleppo nach Hamburg (14) – Motivations-smiley

Seit einigen Wochen hat Frank nun endlich einen Platz in einem Deutschkurs. Ich blättere durch das Buch und stelle fest: Hier ist Multikulti nicht gescheitert, ganz im Gegenteil. Die Protagonisten kommen aus vielen verschiedenen Ländern, haben verschiedene Namen und reden freundlich miteinander. Frank hat jeden Morgen mehrere Stunden Unterricht und in der kurzen Zeit schon erstaunlich viel gelernt. Die Lehrerin schreibe viele Tests, erzählt Frank und zeigt voller Stolz seine Ergebnisse. Überall hat die Lehrerin ihm Smileys hingemalt, mal lächelt es breit, mal verschmitzt, aber immer sieht es fröhlich aus.

Als ich ihm sage, dass ich wirklich beeindruckt von seinen Fortschritten bin, sagt er: „Ich bin ja auch an der besten Schule in Hamburg.“. Die Sprachschule, die er jetzt besucht, haben ihm mehrere andere Flüchtlinge empfohlen, und er ist auch begeistert. „Ich habe mir das schon angeschaut, ich will bis zum Niveau C1 Deutsch lernen, und das so schnell wie möglich.“ Weil er zu den folgenden Kursen nur einen Zuschuss erhält, wenn er nichts verdient, will er vorerst auch nicht arbeiten gehen.
Das ist im Grunde völlig verquer: Deutschland hat erst vor kurzem den Zugang zum Arbeitsmarkt für anerkannte Asylbewerber erleichtert. Sie könnten jetzt theoretisch nach drei Monaten arbeiten, aber wenn sie das tun würden, würden sie aller Voraussicht nach keinen Anspruch mehr auf einen kostenlosen Sprachkurs haben.