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Von Aleppo nach Hamburg (29) – neue Wohnung und endlich heiraten

Was Frank neben seinem beruflichen Fortkommen beschäftigt, ist seine persönliche Situation. Schon seit längerem hat er zwar eine eigene Wohnung, aber die besteht nur aus einem Zimmer mit Küche, Bad und einem kleinen Winterbalkon. Und sie liegt nicht im Stadtzentrum. „Ein Freund von mir hat jetzt direkt am Fischmarkt eine ganz tolle Zwei-Zimmer-Wohnung gefunden, so etwas will ich auch“. Ob die nicht ganz schön teuer sei, will ich wissen. Nein, nur 500 Euro, und das bezahle der Staat auch, sagt Frank. Ob er sich nicht lieber erst einmal um den Job kümmern wolle, will ich wissen. „Ja auch, aber ich will auch unbedingt heiraten und Kinder bekommen.“ Immer wieder erzählt er davon, doch offenbar gelingt es ihm nicht, die richtige Frau zu finden. Eine Verlobung mit einer Syrerin hatte er gleich wieder gelöst, sie passte ihm dann doch nicht, obwohl er sie gar nicht kannte. War sie ihm vielleicht mit 18 Jahren doch zu jung? Er rückt nicht richtig raus mit der Sprache, auf jeden Fall brauche er schon mal eine größere Wohnung für das geplante Kind.

Ich merke, dass ich diese Art des Denkens schwer nachvollziehen kann und auch die Tatsache, dass ihm eine Frau hier offenbar nur Mittel zum Zweck sein soll. Ob sich das mit der Zeit in Deutschland ändert? Oder ist das auch eine Art der Toleranz, es einfach so zu akzeptieren, wie er es aus seiner Heimat, seiner Familie kennt? Schließlich ist es sein Leben. Aber ich komme nicht umhin, auch an die potentielle Kandidatin zu denken.

Von Aleppo nach Hamburg (28) – ein bezahltes Praktikum

Viele Zu- und Einwanderer wollen so schnell wie möglich arbeiten, doch oft ist das einfacher als gedacht, das zeigt der Fall von Frank mir immer wieder. In Syrien hat er als Pharmavertreter gearbeitet, war gut bezahlt und führte ein angenehmes Leben. „Ich hatte alles, was ich brauchte“, erinnert sich Frank oft. Doch hier hat er gehört, sei Vertreter gar nicht so ein angesehener Beruf und deshalb will Frank lieber wieder in einer Apotheke arbeiten, doch er ist lange raus aus dem Job. Und noch dazu will ihm die Mitarbeiterin vom Arbeitsamt erst einmal kein Praktikum erlauben, ihm fehlten die Sprachkenntnisse, habe sie gesagt. Dennoch hat er Glück, er kann dennoch einige Zeit in einer Apotheke reinschnuppern, eine Apothekerin meint es offenbar gut mit ihm.

Derweil lernt er weiter fleißig Deutsch, aber er bräuchte einen speziellen Sprachkurs, doch den gebe es nur für Mediziner nicht für Apotheker. Und noch dazu sei es sehr schwer für ihn, klagt er mir sein Leid. Dennoch gibt es nach Monaten endlich einen Lichtblick. Diesen Sommer wird er ein weiteres, offizielles und bezahltes Praktikum in einer Apotheke machen können. Finanziell wird ihn das kaum weiterbringen, denn das Einkommen wird voll auf seine staatlichen Leistungen angerechnet. Dennoch: Frank wird wieder in den Job kommen, den ganzen Tag Deutsch sprechen und sich wieder mit der Materie vertraut machen können. Frank hat Angst, dass er das nicht schafft, denn er hat zehn Jahre in keiner Apotheke gearbeitet. Bis er als Apotheker arbeiten kann, wird es jedoch dauern, denn dazu braucht er die Approbation.

Von Aleppo nach Hamburg (27) – jung, männlich, zart

Frank ist ein leidenschaftlicher Koch, mit leuchtenden Augen berichtet er von seinem letzten Abendessen. Erst kommt Gehacktes in die Pfanne, dann Kartoffeln, Tomaten und viele verschiedene Gewürze. „Aber meine Küche ist so klein“, ärgert er sich ein bisschen. Wo er denn sein Fleisch kaufe, will ich wissen. „Auf dem Steindamm.“ Genauer gesagt geht er zum iranischen Supermarkt Persepolis an der Lohmühlenstraße. Der Mann an der  Fleischtheke sei allerdings Araber, kein Iraner, fährt er fort. „Und Kathrin, wenn Du dort Lamm kaufst und zeigen willst, dass Du Dich auskennst, dann musst Du fragen, ob das Fleisch männlich oder weiblich ist und jung.“ Das männliche sei besonders zart. Ich muss lachen und stelle mir das Gesicht des Verkäufers vor, wenn ich sage: „Einmal 500 Gramm männlich, jung und zart.“

Von Aleppo nach Hamburg (26) – ein dubioser Vertrag

„Kathrine, Kathrine, ich glaube, ich habe einen großen Fehler gemacht, kannst Du mir bitte helfen?“, erreicht mich eine SMS von Frank. Vor kurzem klingelte es bei Frank an der Tür und ein junger Mann sprach die Worte, die bei den meisten Menschen ziehen dürften: „Mit mir können Sie Geld sparen“. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um einen freien „Energieberater“, der ihm einen Vertrag vorlegte, mit dem er Frank seinen Stromkosten „erheblich reduzieren könne“. Von Anfang an war Frank, wie er sagte, misstrauisch und dennoch: Er unterschreibt den Vertrag und lässt den Berater ziehen ohne eine Kopie des Vertrages zu haben. Nun hat er große Angst, dass jetzt statt weniger Mehrkosten in unbekannter Höhe auf ihn zukommen.

Was mich wirklich umhaut: Frank hat den Berater fotografiert und auch Seiten des Vertrages. So kann ich wenigstens per Mail lesen, was dort drinsteht und bei dem Unternehmen anrufen. Zum Glück hat Frank zwei Wochen Widerrufsrecht, damit kann ich ihn schon mal beruhigen.

Bei dem Unternehmen gibt man sich ahnungslos. Das seien freie Berater, damit habe man nichts zu tun. Doch ich lasse mich nicht abwimmeln. Der Mitarbeiter guckt ins System, von Frank noch keine Spur. Möglicherweise wollte der dubiose Berater die zwei Wochen bis zum Ende der Einspruchsfrist warten und dann den Vertrag an das Unternehmen senden.

Zur Sicherheit schicke ich Frank noch schnell einen Link zum Widerrufsformular und schärfe ihm ein, dass er das ausfüllen und am besten per Post sofort absenden soll. Er ist erleichtert, ein bisschen, denn was er jetzt  nie erfahren wird: Hätte er vielleicht doch Strom sparen können?

Von Aleppo nach Hamburg (25) – Liebe kommt von ganz allein

Frank ist immer wieder für eine Überraschung gut. Während er in einem Café sitzt und einen Muffin verdrückt, erzählt er fast beiläufig, dass ein naher Verwandter in Hannover vielleicht am Sonntag heiratet. Ich frage: „Wie vielleicht?“ Statt mich aufzuklären, schiebt er direkt hinterher: „Und ich heirate vielleicht auch bald.“

Vor Überraschung falle ich fast vom Stuhl. „Wie, heiraten, ich wusste ja nicht mal, dass Du eine Freundin hast.“ Frank macht den Rücken gerade, holt tief Luft und sagt: „Kathrin, bei uns in Syrien läuft das anders.“ Er habe kürzlich einen Freund gefragt, ob der nicht eine Frau für ihn hätte (nein, er habe ihn dafür nicht bezahlt). Nach einiger Suche fand er eine Familie, die eine 18-jährige Tochter zur vermählen hat. „Ich bin dann zu dem Vater gegangen, wir haben einen Tee getrunken, und er hat eingewilligt.“ Wir sind jetzt verlobt. Sie habe auch „ja“ gesagt, schiebt er noch schnell hinterher.

Vorname der Braut – egal!

„Aha, und wie heißt sie, und was macht sie, wie sieht sie aus….“. Ich habe tausend Fragen. „Ich weiß nicht, wie sie heißt, aber es ist doch egal, ob ihr Name Anna oder Fatima ist, Hauptsache sie hat weiße Haut“, das sei ihm am wichtigsten. Die Chancen dafür stehen allerdings nicht so gut, denn Vater und Bruder haben offenbar eher dunklere Haut, da könnte es eine Überraschung geben. Und worüber er sich denn als 33-Jähriger mit ihr unterhalten wolle, will ich wissen. „Ja, das bereite ihm tatsächlich selbst auch ein bisschen Kopfzerbrechen, aber dafür sei ja jetzt die Verlobungszeit gedacht. Da könnten sich beide immer mal für fünf Minuten oder auch eine Viertelstunde im Haus ihrer Eltern treffen und miteinander reden. Und: Liebe sei schließlich keine Frage des Alters.

Die Zukünftige ist offenbar noch nicht lange in Hamburg, spricht nur Arabisch – aber wichtig seien ja jetzt sowieso erst einmal Kinder. „Ganz schnell“, sagt Frank und grinst breit. Das wundert mich nicht, denn schließlich ist er für syrische Verhältnisse schon ziemlich alt, um Vater zu werden.

Arrangierte Ehen halten länger

Dass es absolut richtig ist, einfach so über den Kopf eines Mädchens zu entscheiden, daran hat er nicht den leisesten Zweifel. Arrangierte Ehen würden länger halten, das hätten Statistiken gezeigt, betont Frank nicht zum ersten Mal. Was das für Statistiken sind, wer sie erhoben hat und wo man diese nachlesen kann, lässt er offen. Klar ist für ihn auf jeden Fall. Der Mann sucht sich die Frau aus, nicht umgekehrt.

Für mich ist das alles fremd und überrascht mich für einen jungen studierten Mann, auch wenn es vielleicht in der Tradition so ist. Auch sein Wunsch nach einer Frau mit weißer Haut befremdet mich. „Also ich wäre wohl schon zu braun für Dich, oder“, sage ich und schiebe meinen Ärmel hoch. Er guckt ein bisschen verlegen.

„Kathrin, ist doch alles ganz einfach, wenn sie mir nicht gefällt, dann löse ich die Verlobung einfach wieder und suche mir eine andere, das habe ich schon zwei Mal in Syrien gemacht.“ Wow, ein echter Schwerenöter, dieser junge Syrer, der immer so kindlich lächelt, aber da kann er wohl echt beinhart sein.

Plötzlich klingelt das Telefon, der Schwiegervater in spe. Das ist ein Problem, denn wir beide sitzen in einem Café, wo gerade sehr laute Popmusik spielt und die Menschen wild durcheinander reden. Frank schaut aufs  Display. Was tun? Wenn er jetzt abnimmt, könnte alles vorbei sein. Wir trinken schnell aus, damit er draußen zurückrufen kann.