Archiv der Kategorie: Von Aleppo nach Hamburg

Dies ist der Beginn einer Beobachtung. Erzählt wird die Geschichte von Frank. Frank ist Ende 20 und kommt aus Aleppo. Er ist gerade in Hamburg angekommen. Wir haben uns zufällig kennen gelernt. Stück für Stück erschließt er sich sein neues Leben. In diesem Blog werde ich von nun an immer wieder über ihn schreiben. Natürlich passiert das nicht ohne sein Einverständnis. Wir haben uns aber darauf geeinigt, dass ich keine persönlichen Daten von ihm preisgebe.

Von Aleppo nach Hamburg (20) – ein eigenes Zuhause

Monatelang hat Frank gesucht, nichts anderes hat ihn so sehr beschäftigt wie die Wohnungssuche. Er wollte unbedingt sein eigenes Heim haben, die Tür hinter sich schließen können, um zur Ruhe zu kommen. Kreuz und quer ist er durch Hamburg gefahren, hatte das Gefühl, man benachteilige ihn als Ausländer ohne eigenes Einkommen.
Doch dann klappte es endlich. Seine erste, eigene Wohnung in Deutschland ist klein aber reicht. Ein Zimmer, kleine Küche, überdachter Balkon und ein sehr schön renoviertes Bad.
Ganz schnell hat sich Frank von überall Möbel gekauft, das meiste über das Internet – ein hübsches Regal, ein üppiges Sofa, ein Bett. Auf einem Beistelltisch stehen Kekse und Obst – wie er es aus Syrien kennt. Dauernd flitzt er rein und raus aus der Küche, um noch dies und das zu holen, er strahlt über das ganze Gesicht.
Er ist einen Schritt weiter. In Hamburg.

Von Aleppo nach Hamburg (19) – ein sehr spezielles Geschenk

Frank lernt sehr gut Deutsch, auch beim Schreiben macht er nur kleine Fehler. Immer wieder fällt mir auf, dass er in unseren SMS Formulierungen von mir übernimmt und dann selbst in seine Sätze einbaut. Wenn er etwas nicht weiß, schlägt er es nach – zu meinem Geburtstag überraschte er mich zunächst mit folgender Nachricht:

„Bleib gesund und stets vergnügt, weil mir das am Herzen liegt.“

Einige Wochen später treffen wir uns. Es ist die erste Begegnung seit meinem Geburtstag. Frank kommt, einen Freund im Schlepptau, angeschlendert, an seiner Hand baumelt eine kleine Geschenktüte. „Liebe Kathrin, hier zu Deinem Geburtstag, ein kleines Geschenk“, hält er sie mir hin. Die Schokolade erkenne ich sofort, aber was ist das daneben?

Ich nehme es heraus und weiß nicht so recht, wie ich jetzt gucken soll. Frank schaut mich bereits erwartungsvoll und strahlend an. Doch der kleine Hauch der Enttäuschung dürfte ihm nicht entgangen sein, als ich etwas ratlos auf die sehr hochwertige „Anti-Aging-Crème“ in meinen Händen blicke.

„Öh, Danke“, stammele ich und merke, wie ich vor Verlegenheit rot werde. Ich erkläre ihm, dass das bei uns in Deutschland für eine Frau nicht so ein Kompliment, wenn man von einem Mann so ein Geschenk erhält. Eigentlich kann ich mir auch gar nicht vorstellen, dass das irgendwo auf der Welt anders sein soll – aber nachdem mich vor Jahren mal eine Afghanin mit den Worten „Kathrin, Du bist ja dicker geworden“ begrüßte und auch das als freundlich empfand, bin ich da heute nicht mehr so sicher.

Frank jedenfalls meinte es gut mit mir, wie er mir versichert: „Kathrin, nur damit Deine Haut so schön jung bleibt.“
Und dann lachen wir beide ganz laut.

Von Aleppo nach Hamburg (18) – Ramadan

Als gläubiger Muslim macht Frank selbstverständlich den Ramadan mit. Und es fällt ihm leicht „ist viel einfacher als in Syrien, weil es hier nicht so heiß ist“, findet er. Wir treffen uns zu einem gemeinsamen Essen. Was ich nicht gesehen habe, bevor wir uns gegenüberstehen ist seine SMS: „Entschuldigung Kathrine, ich habe eine Frage. Ärgerst du dich, wenn wir nicht mit der Hand grüßen?“
Wie immer ist er überpünktlich, und wie immer bin ich einige Minuten zu spät. Weil ich mich jedes Mal frage, wie ich „hallo“ sagen solle, tippe ich ihm nur leicht auf die Schulter und sage „Hi, wie geht’s?“ Er lächelt breit und sagt: „Ah, Du hast meine SMS also bekommen und bist nicht böse?“ Ich verstehe erst nicht, aber dann eben doch. Doch warum will er mir jetzt nicht die Hand geben?

Es sei Ramadan und da würde sein Gott das eben nicht so gut finden, wenn man Frauen per Handschlag begrüßt. Und gleich fährt er fort, wie toll es sei, dass das Wetter derzeit noch so kalt in Hamburg sei. „Alle Frauen tragen lange Jacken, Hosen oder lange Röcke, man sieht überhaupt keine Haut.“ Da komme er gar nicht erst in Versuchung oder auf den Gedanken, eine Frau anzuschauen. Zwischen den Zeilen wird immer wieder klar. Frank ist ein Stück weit einsam, möchte gern eine Frau finden. Ein enger Verwandter ist in derselben Situation und hat sich die eigene Cousine ausgesucht. Der Onkel hätte das wohl auch befürwortet, aber dann bekam die Cousine in der Nacht Bauchweh und deutete dies als schlechtes Omen. Also keine Hochzeit. Er gucke jetzt weiter im Internet bei muslima.de oder so ähnlich, erzählt Frank. Innerhalb der Familie zu heiraten sei ohnehin Inzucht und verboten, werfe ich ein. Ja, gibt Frank zu bedenken, das wisse er auch und sein Prophet habe ja auch gesagt, dass sei nicht die beste Lösung, denn da könnten die Kinder dann immer krank werden – für ihn sei das auf jeden Fall nichts.

Von Aleppo nach Hamburg (17) – was ist Pegida?

Irgendwo hat Frank es aufgeschnappt – in Deutschland gibt es seit einiger Zeit in einigen Städten Demonstrationen gegen Ausländer. Warum die Leute demonstrieren, das heiße doch irgendwie Pa- oder Pä- oder Pegida, will er von mir wissen. Ich versuche ihm die Gründe für die Proteste so sachlich wie möglich zu erklären, weise aber darauf hin, dass es auch sehr viele Gegendemos gibt. Frank, der syrische Flüchtling, der im vergangenen Herbst nach Hamburg kam, hat sich jedoch schon festgelegt. „Die Medien sind schuld“, poltert es aus ihm heraus. „Sie berichten immer schlecht über Muslime“, da sei das ja kein Wunder, wenn die Menschen demonstrieren gehen und gegen den Islam protestieren, meint er. Ich stimme ihm bedingt zu, sage aber auch, dass es viele Medien gibt, die positiv und sachlich über den Islam berichten bzw. erkäre, dass es in der Natur der Sache der der Medien liegt, Missstände aufzuzeigen. Aber Frank will davon erstaunlich wenig wissen, denn er ist sicher. „Wenn ein Muslim getötet wird, schenken ihm die Medien weit weniger Aufmerksamkeit als bei einem Juden“, so seine These. Ich versuche ihn davon zu überzeugen, dass seine Sichtweise zu pauschal ist. Aber wir kommen nicht zusammen. Ich kann eine leichte Enttäuschung nicht verbergen, denn schließlich wurde er hier nach seiner Flucht relativ gut aufgenommen – er hat ein Dach über dem Kopf, 400 Euro im Monat zum Leben, kann kostenlos Deutsch lernen, und er verfügt bereits über einen sicheren Aufenthaltsstatus. Theoretisch darf er sogar schon arbeiten.
Vielleicht hat er einfach nur einen schlechten Tag, weil er langsamer vorankommt, als er erwartet hatte.

Von Aleppo nach Hamburg (16) – einfach mal einen Schein ‚rüberschieben

Auch wenn Frank jetzt ein bisschen ab vom Schuss in der öffentlichen Unterbringung wohnt, so sah er darin doch einen wichtigen Vorteil. Die Agentur für Arbeit sei nur wenige Meter weg, dachte er. Dem ist zwar auch so, aber die ist absurderweise genau bis zur Flüchtlingsunterkunft zuständig. Genau dort, wo jetzt die Container stehen, wechselt der Bereich und das bedeutet. Er und all die anderen müssen ans andere Ende von Hamburg fahren. Frank versteht das nicht, ich auch nicht – ich kann nur ein bisschen dümmlich mit den Achseln zucken und sagen: „Ja, die deutsche Bürokratie.“ Und Frank sagt: „Hier ist alles so kompliziert, in Syrien geht das alles leichter.“ „Ah ja“, frage ich interessiert nach. „Ja, man zahlt einfach ein bisschen Geld, damit lässt sich alles ganz schnell regeln.“
Ich entgegne trocken. „Das nennt sich Korruption.“ So eng will Frank das jetzt nicht sehen.