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Gold für eine Putzfrau

Die meiste Zeit lag sie auf der Ablage der flachen Kommode mit dem Spiegel dahinter, die Arme weit von sich gestreckt, als ruhe sie sich aus und warte auf den nächsten Sonnenstrahl. Ihre goldene Armbanduhr legte meine Großmutter nur zu ganz besonderen Anlässen an.

Als sie vor sechs Jahren starb, sollte die Uhr für besondere Anlässe an mein Handgelenk wechseln, meinte jedenfalls meine Mutter. Doch ich ließ sie zunächst links liegen, denn erstens lief sie auch nach dem Aufziehen nicht und dann war sie mir eindeutig zu „fitzelig“. Ich mochte große, klobige Uhren, nicht so kleine zierliche.

Ein verzückter Juwelier
Nach einigen Monaten brachte ich sie dann doch zu einem Juwelier, der sie für 200 Euro auseinandernahm und wieder zusammensetzte. „Solche Uhren kosten heute ein Vermögen“ und „was für ein besonderes Stück“, waren nur zwei seiner Aussprüche. Außerdem erklärte er mir, dass ich die Uhr regelmäßig aufziehen sollte, damit sie nicht wieder kaputt geht. Was blieb mir also anderes übrig, als sie von nun an zu meinem regelmäßigen Begleiter zu machen.

Mehr als eine goldene Uhr
Dass die Uhr eher per Zufall und nicht durch käufliches Erwerben zu mir gekommen war, spüren offensichtlich auch viele Menschen, um mich herum, denn immer wieder werde ich auf sie angesprochen. Und mal ehrlich: Wann wird man schon auf eine Armbanduhr angesprochen?

Und tatsächlich trage ich sie inzwischen mit einem gewissen Stolz, denn die Uhr meiner Großmutter ist weit mehr als eine Uhr, sie ist eine Anerkennung für ihre geleistete Arbeit – als Putzfrau.

Gold für Omi
Viele Jahre stand sie Morgen für Morgen auf und ging von der Hobrechtstraße 3 in Berlin-Neukölln (heute schwer gentrifiziert) über den Hermannplatz, stieg dort in die Bahn, fuhr bis zum Mehringdamm und putzte dort Woche für Woche die Schalterräume der Berliner Bank. Immer um dieselbe Zeit, immer still, gewissenhaft, Tag für Tag, so wie es heute täglich tausende Menschen tun. Einmal durfte ich sie begleiten, an diesen Ort im Halbdunkel, hinter den vorgezogenen Jalousien leerte sie die Mülleimer aus, schob den Sauger unter die Tische und in die Ecken, jeder Griff mechanisch und tausendfach wiederholt, Morgen für Morgen.

Ebenso verwoben wie der Job als Putzfrau war mit ihr der Name ihres Auftraggebers: Gegenbauer und Co. Oma und Gegenbauer, Gegenbauer und Oma, beides gehörte für mich zusammen. Und eben von diesem Arbeitgeber erhielt sie 1969 als Dankeschön die goldene Junghans-Uhr. Auf der Rückseite ist eingraviert: „Für 10-jähr. gute Mitarbeit. Fr. Erna Bachmann, 15.01.1969“. Kann man sich das heute noch vorstellen? Eine goldene Uhr für eine Putzfrau?!

Geschenk für Schuldenabbau
Nachfrage bei Gegenbauer, ob damals alle Mitarbeiter so ein ungewöhnliches Geschenk erhalten haben und ob es vielleicht noch die Personalakte meiner Oma gibt. Die Antwort kommt prompt. Nein, das Dokument ist – wie erwartet – natürlich schon längst geschreddert, aber der Unternehmenssprecher ist offenbar auch angefeixt, kümmert sich schnell und kommt mit einer ungewöhnlichen Erklärung einer Mitarbeiterin, die seit 1967 bei Gegenbauer arbeitet. Sie schreibt: „Es hat sich damals so verhalten, dass man einen Juwelier zugeteilt bekam, der am meisten Schulden bei der Firma hatte und durch den Betrag der Uhr hat sich die Schuldsumme verringert.“ Sie selbst „musste“ damals zu einem Geschäft am Kranzlereck und suchte sich eine Uhr an einer Kette aus, allerdings keine goldene, was nach ihrer Erinnerung „ein wenig problematisch war, denn es sollte ja eine goldene sein.“

Vielleicht ist die Zahlungsmoral mancher Kunden inzwischen besser geworden, denn Goldschmuck gibt es bei Gegenbauer nicht mehr für langjährige Treue. Aber, so schreibt es nach einigen Wochen, ein begeisterter Personalchef: „Wir laden unsere langjährigen Mitarbeiter mit Partner und ihrer Führungskraft nach Berlin ein, das Maritim oder das Estrel Hotel bilden die Kulisse der Feier und ermöglichen einen anschließenden erholsamen Schlaf.“ Es gebe immer eine richtig große Show. Wertschätzung der Mitarbeiter sei dem Unternehmen auch heute noch ein wichtiges Anliegen.

Ich schaue auf die Uhr an meinem Handgelenk und denke: Danke Omi!

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Abgeschnitten von der Außenwelt – Leben in Syrien

Seit Mitternacht gilt in Syrien eine Waffenruhe. Ob die Feuerpause tatsächlich zwei Wochen anhält, lässt sich derzeit jetzt schwer sagen. Was wir jedoch täglich sehen und hören ist das Leid der Bevölkerung. Hunderttausende Menschen sind geflohen, aber viele harren aus. So wie Dani. Der 27-Jährige lebt in einem belagerten Vorort bei Damaskus. Mehrfach haben wir ihn versucht per Skype zu erreichen, gestern Nachmittag ist es mir endlich ganz kurz gelungen .

Gesendet auf NDR Info

Only in Japan: Impressionen aus Tokio (2) – mit frischem Atem und tiefer Verbeugung

Wie ja (fast) alle wissen oder sich sonst denken können, bin ich ja nicht in Tokio, um bunte Bildchen zu machen, sondern um zu arbeiten. Weil ich mich sonst ja viel mit Integration beschäftige und hier alles richtig machen will, habe ich mich natürlich entsprechend eingelesen.

Aber einmal beim Interviewpartner angekommen, beginnt der Stress. Wie war das jetzt nochmal? Nicht die Hand geben, verbeugen…..

Die Mitarbeiterin sagt ganz freundlich: „In Japan ist die Form sehr wichtig!“ Aha, klar, denke ich, aber wie war das jetzt nochmal? Also ankommen, nur nicht zu früh, sonst vor der Tür warten. Jacke ausziehen, leise reinschauen, schon mal leicht den Oberkörper nach vorn neigen, LÄCHELN, die Jacke hat man schon über den Arm gelegt, dann meist die Schuhe ausziehen (aber dabei um Himmels willen nicht auf den guten Fußboden treten, die Japaner haben ja immer so „Schlüpfschuhe“ an, ich leider nicht). Dann eintreten und schon die Visitenkarte zum Tausch bereit halten – und diese dann auch noch so übergeben, dass das Gegenüber diese auch lesen kann (ist mir leider nicht immer gelungen….Anmerkung der Mitarbeiterin….“Kathrin, drehen, drehen….“). Ah, okay, und dann nach vorn beugen, vor Aufregung gleich drei Mal, die andere Karte mit beiden Händen nehmen, nochmal beugen, dann die Karte anschauen und liebevoll auf den Tisch legen.

Und zum Abschied dann nochmal wieder verbeugen, am besten fast rückwärts zur Tür gehen (wenn man denn überhaupt entspannt hochkommt, nachdem man gerade eine halbe Stunde gekniet hat), wieder in die Schuhe schlüpfen, Jacke über den Arm legen, nochmal verbeugen, LÄCHELN und immer wieder Danke sagen.

Ich gebe mir wirklich Mühe, fühle mich aber ehrlich gesagt wie der letzte Trampel.

Nun aber zu anderen Erkenntnissen und Entdeckungen. Die Japanerinnen und Japaner sind ein sehr reinliches Volk, so mein Eindruck. Sie seifen sich jeden Abend von Kopf bis Fuß ein und springen dann (ohne Seife) in die knallheiße Badewanne. Zur Entspannung, auch hintereinander eine Familie in ein Becken, so hat man es mir mehrfach bestätigt (leider ohne Foto).

Und man muss auch nie um schlechten Atem fürchten, denn an vielen Stellen liegt das aus:

aufreißen, spülen und schon frisch fühlen
aufreißen, spülen und schon frisch fühlen

Die Männer (jedenfalls die salaryman, also die, die von früh bis spät arbeiten, dann noch was trinken gehen mit den Kollegen und dann zu müde zum Sex sind) haben unglaublich schöne Täschchen dabei. Bei uns würden sowas die Frauen tragen, aber hier zu diesen zierlichen eleganten Männern passt das bestens.

man achte auch auf die Handhaltung
man achte auch auf die Handhaltung

Wer kein Kind aber ein Haustier hat, zum Beispiel einen Hund, fährt den auch gern im Kinderwagen spazieren oder zieht ihm schöne Schuhe an:

Gummistiefel für den Hund
Gummistiefel für den Hund

In der Bahn frage ich mich immer, wann die Genickstarre einsetzt…..alle schauen auf ihr Handy oder die Playstation, das fängt schon bei den Kleinsten an, ist aber IMMER völlig geräuschlos:

2015-12-20 15.10.19

Die Japaner sind ein eher zierliches Volk und die haben auch offenbar nicht so viel Hunger wie ich – da reichen dann auch Konserven im Miniformat:

die sind wirklich mini
die sind wirklich mini

Wer gerade jetzt zu den bevorstehenden Feiertagen (Neujahr haben alle mehrere Tage frei) ein schönes Geschenk kaufen möchte, der will natürlich nicht die Katze im Sacke kaufen und deshalb ist immer schön aufgezeigt, was sich im Karton befindet – wie zum Beispiel diese Bananen:

2015-12-23 11.27.02

Sehr gut gefällt mir auch der Wetterbericht im Fernsehen, selbst wenn der Wettermann Wolken voraussagt:

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Noch immer stehe ich im Supermarkt und frage mich: Was macht man damit?.

anderes Land, andere Kultur
anderes Land, andere Kultur

Rauchen ist draußen auf der Straße übrigens nicht so gern gesehen, aber ganz verbieten will man es dann wohl doch nicht. So sieht eine Alternative aus.

Raucherecken
Raucherecken

Dafür wird dann in den Bars gequalmt, was das Zeug hält. Was dort sehr praktisch ist: Es gibt Schließfächer für Jacken und Wertsachen.

Was mir außerdem aufgefallen ist: Die Japaner lieben offenbar Frankreich. Es gibt sehr viele französische Geschäfte, aber mit den Sprachkenntnissen hapert es dann doch manchmal:

wer findet den Fehler?
wer findet den Fehler?

Sehr schön finde ich, dass Japan ein sehr sicheres Land ist, ein echtes Paradies für Taschendiebe ist das hier, so wie alle ihre Wertsachen immer locker in den offenen Taschen herumtragen, aber keiner würde jemals etwas stehlen. Haustüren bleiben meist unverschlossen – und ganz wichtig: Der Regenschirm bleibt draußen.

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und wer jetzt nochmal ein Stück Arbeit sehen und hören möchte, hier beim Deutschlandradio und bei NDR Info 

Mehr Reportagen dann nächste Woche……

Und zum Schluss noch……was sind wir wieder müde heute….Tokio ist einfach so groß und voller Wunder!

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Kein Wunder, der Tag ist hier ja auch länger als anderswo 🙂

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In diesem Sinne: Frohes Fest!

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Und schöne Grüße vom Kaiser und seiner Familie (ganz links die traurige Prinzessin Masako.

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ach ja:  Ich gebe mir wirklich Mühe, mich zu integrieren 🙂

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Von alternden Punks und bösen Geschwistern – Alltag im Jugendamt – Teil 5

In dieser Woche läuft auf NDR Info meine Serie zum Alltag im Jugendamt. Über mehrere Monate habe ich die Mitarbeiter in HH-Harburg begleitet, war bei Hausbesuchen, bei Gesprächen dabei.

Was in der Öffentlichkeit oft nicht gesehen wird. Viele Menschen wenden sich ganz bewusst Hilfe suchend ans Jugendamt. Manchmal müssen die Mitarbeitern dann fast wie eine Art Paartherapeut fungieren. Wer ein eingeschränktes Umfeld und vielleicht wenig Freunde und Bekannte zum Austausch hat, sucht vielleicht eine Lösung für die Probleme. Darum geht es im letzten Teil der Serie Alltag im Jugendamt.

Hier geht es um Link auf NDR Info:

Und hier zum Nachhören:

Von alternden Punks und bösen Geschwistern – Alltag im Jugendamt – Teil 4

In dieser Woche läuft auf NDR Info meine Serie zum Alltag im Jugendamt. Über mehrere Monate habe ich die Mitarbeiter in HH-Harburg begleitet, war bei Hausbesuchen, bei Gesprächen dabei.

Im vierten Teil ist die Hilfe für die Mutter mit ihren sechs Kindern ausgelagert an einen freien Träger. Sie sind in dem System Jugendamt die flexiblen Sozialarbeiter, die für oft kleines Geld das Vertrauen der Familien gewinnen müssen und kleine Schritte mit ihnen gehen.

Hier geht es um Link auf NDR Info:

Hier geht es zum Audio: