Archiv der Kategorie: Integra(t)dings

Deutschland ist ein Einwanderungsland, doch wie es mit dieser Tatsache umgeht, steht auf einem ganz anderen Blatt. Immer noch müssen Menschen, die hier jahrelang leben, eine Abschiebung fürchten. Manche müssen auch nur gehen, weil sie nicht mit dem Fallschirm über Deutschland abgesprungen, sondern über ein Drittland eingereist sind. Viele dieser Themen sollen hier zur Sprache kommen.

Von Aleppo nach Hamburg (26) – ein dubioser Vertrag

„Kathrine, Kathrine, ich glaube, ich habe einen großen Fehler gemacht, kannst Du mir bitte helfen?“, erreicht mich eine SMS von Frank. Vor kurzem klingelte es bei Frank an der Tür und ein junger Mann sprach die Worte, die bei den meisten Menschen ziehen dürften: „Mit mir können Sie Geld sparen“. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um einen freien „Energieberater“, der ihm einen Vertrag vorlegte, mit dem er Frank seinen Stromkosten „erheblich reduzieren könne“. Von Anfang an war Frank, wie er sagte, misstrauisch und dennoch: Er unterschreibt den Vertrag und lässt den Berater ziehen ohne eine Kopie des Vertrages zu haben. Nun hat er große Angst, dass jetzt statt weniger Mehrkosten in unbekannter Höhe auf ihn zukommen.

Was mich wirklich umhaut: Frank hat den Berater fotografiert und auch Seiten des Vertrages. So kann ich wenigstens per Mail lesen, was dort drinsteht und bei dem Unternehmen anrufen. Zum Glück hat Frank zwei Wochen Widerrufsrecht, damit kann ich ihn schon mal beruhigen.

Bei dem Unternehmen gibt man sich ahnungslos. Das seien freie Berater, damit habe man nichts zu tun. Doch ich lasse mich nicht abwimmeln. Der Mitarbeiter guckt ins System, von Frank noch keine Spur. Möglicherweise wollte der dubiose Berater die zwei Wochen bis zum Ende der Einspruchsfrist warten und dann den Vertrag an das Unternehmen senden.

Zur Sicherheit schicke ich Frank noch schnell einen Link zum Widerrufsformular und schärfe ihm ein, dass er das ausfüllen und am besten per Post sofort absenden soll. Er ist erleichtert, ein bisschen, denn was er jetzt  nie erfahren wird: Hätte er vielleicht doch Strom sparen können?

Von Aleppo nach Hamburg (24) – Arbeitsgenehmigung ja, aber…..

Frank hat ein Studium im medizinischen Bereich gemacht und auch in der Branche gearbeitet. Um wieder in den Job zu kommen, würde er gern ein Praktikum in einer Apotheke absolvieren. Eine Arbeitsgenehmigung hat er ja und die Anerkennung seiner Abschlüsse hat er bereits auf den Weg gebracht. Aber alles dauert lange und dann sagt ihm die Dame auf dem Amt auch noch: „Nein, ein Praktikum dürfen Sie erst machen, wenn Sie das Sprachniveau B2 hinter sich gebracht haben.“ Hm, ich wundere mich und frage bei der Ausländerbehörde nach. Auch dort ist man erstaunt, räumt aber ein: „Es kann sein, dass es in den medizinischen Berufen Sonderregelungen gibt“, ist die dürre Auskunft.

Frank ist sichtlich enttäuscht, und ich denke: Da zeigt sich doch in der Praxis, wie schnell das ganze Gerede der Politik über eine schnelle Arbeitsmarktintegration an ihre Grenzen kommt, selbst wenn hier vielleicht höhere Zugangsschranken verständlich sind. Schon auf den ersten Sprachkurs hat Frank mehrere Monate gewartet, der nächste beginnt auch nicht nahtlos. Von der ganzen Rennerei zu den verschiedenen Ämtern mal ganz abgesehen – und Frank ist immerhin selbst in der Lage, sich durchzufragen. Das dürfte längst nicht bei jedem Neuankömmling der Fall sein und gibt einen Einblick darüber, was hier noch für Arbeit auf Deutschland wartet.

Er beschließt erst einmal alle wichtigen Begriffe nochmal im Selbststudium auf Arabisch aufzufrischen und sich dann Stück für Stück ins Deutsche zu übersetzen.

Fischbek – Flüchtlinge ja, aber nicht so viele….

Eine Anwohnerinitiative im Hamburger Stadtteil Neugraben-Fischbek will das schaffen, was Eigentümern in den wohlhabenden Stadtteilen Harvestehude und Klein-Borstel gelang. Mit einer Klage die anvisierte Zahl von Flüchtlingen zu senken. In dem Stadtteil sollen ab kommendem Jahr mehr als 3000 Flüchtlinge dauerhaft untergebracht werden. Dafür haben sich die Eigentümer  den Anwalt geholt, der auch schon in den anderen Fällen erfolgreich war.

Die Kläger fürchten vor allem, dass ihre gerade neu gebauten Häuser durch die Neuzuwanderer an Wert verlieren könnten. Ein aus meiner Sicht interessanter Nebenaspekt ist, dass es sich bei den Eigentümern um viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte handelt.

Ein Langzeitprojekt von NDR Info und NDR 90,3

Fischbek: Plötzlich Nachbarn – wie sich ein Hamburger Stadtteil auf Flüchtlinge einstellt

Offensichtlich freuen sich nicht alle über die neuen Nachbarn
Offensichtlich freuen sich nicht alle über die neuen Nachbarn

Viele von Euch/ Ihnen haben ja schon das Video gesehen, hier kommt nun ein erster Stimmungsbericht aus Neugraben-Fischbek. In dem Hamburger Stadtteil ganz im Süden der Stadt sollen ab 2016 nach und nach mehr als 3000 Flüchtlinge kommen und dauerhaft bleiben. Geplant sind Holzhäuser, die Siedlung soll „Zum Wachtelkönig“ genannt werden – wer sich das ausgedacht hat?

Noch gibt es bei einigen Anwohnern erhebliche Zweifel, dass eine Integration von so vielen Menschen möglich ist. Und es gibt auch eine Bürgerinitiative gegen das Vorhaben, aber auch eine „Willkommensgruppe“.

Gemeinsam mit meiner Kollegin Susanne Röhse und einigen anderen Mitstreitern von NDR 90,3 und NDR Info werden wir von nun an gucken, wie sich der Stadtteil auf die erste Hamburger Großunterkunft vorbereitet und ob das Zusammenleben gelingen wird, denn die Bezirksversammlung hat klar gemacht: Es gibt kein Zurück. Der Senatsbeschluss wird umgesetzt.

Ein erster Stimmungsbericht zum Nachhören:

Und auch ein Link zum Onlineauftritt dank der Kollegen mit vielen Reaktionen.

Gleich gegenüber werden für rund 600 Menschen bereits Häuser gebaut.

Hier baut fördern und wohnen
Hier baut fördern und wohnen

 

Familienzusammenführung: Deutsche Behörden beinhart

Ein junger Somalier sucht in Deutschland Schutz, er lernt, macht einen Schulabschluss, findet einen Ausbildungsplatz, wird also zu einem jungen Mann, wie deutsche Politiker ihn sich wünschen. Doch dann will er von seinem Recht Gebrauch machen, seine Familie nachzuholen. Und plötzlich ist Schluss mit der Willkommenskultur.Hier die Ausgangsgeschichte:
Das Berliner Verwaltungsgericht hat  Abdiasis inzwischen Recht gegeben. Der zuständige Richter war im Gespräch mit NDR Info sichtlich überrascht über den Umgang der deutschen Behörden mit dem jungen Somalier.  Für das Gericht haben die Behörden den Familiennachzug unnötig verzögert, um den Antrag dann, so der Kammervorsitzende Christian Oestmann wörtlich, mit einer „sehr zweifelhaften Begründung“ abzulehnen.Doch anstatt jetzt Ruhe zu geben und dem Sohn zumindest den Nachzug der Mutter zu ermöglichen, wird das Auswärtige Amt jetzt wohl in Berufung gehen und so die Familienzusammenführung um Monate versuchen zu verzögern.  Schon das Schreiben vom BAMF, dessen Ablehnung letztlich den Ausschlag gegeben hatte, spricht Bände. Darin ist sinngemäß von einem überlasteten Asylstems die Rede, von Begrenzung des Zuzugs usw. .Dass Deutschland in einer schwierigen Situation ist, sieht jeder, doch die Art und Weise, wie zumindest in diesem Fall offizielle Stellen dann eine Ablehnung begründen ist in der Sprachwahl menschenverachtend.