Archiv der Kategorie: Auslandseinsatz

Manchmal bin ich unterwegs in der Welt – das Reporterherz immer dabei.

Atomabkommen mit dem Iran – das hofft die Opposition im In-und Ausland

Bis Ende Juni soll er endgültig Geschichte sein: Der Atomstreit mit dem Iran. Die Menschen im Iran hoffen, dass dann endlich auch die Wirtschaftssanktionen gegen das Land gelockert werden und die Preise sinken – die Lebenshaltungskosten sind insgesamt etwa so hoch wie bei uns, das durchschnittliche Einkommen liegt jedoch bei rund 1200 Euro und ist damit deutlich niedriger als das deutsche. Wie die Zeit nach einem Atomabkommen aussehen kann, beschäftigt auch zahlreiche Oppositionspolitiker und Aktivisten. Längst arbeiten sie grenzüberschreitend. Ich habe zwei von ihnen getroffen – in Teheran und Hamburg:

gesendet im Echo der Welt – die Themen

Homepage von Kourosh Zaim

Hot man, excellent dancer – iranische Männer unter Druck

Langsam aber gezielt pirscht er sich an seine potenziellen Opfer heran. Ich sitze gerade eine Minute allein auf einer Bank in der iranischen Stadt Isfahan, als er sich tänzelnd vor mir aufbaut und im besten Englisch loslegt: „Hello, I’m Hamed or hot man, excellent dancer“, sagt er selbstbewusst, um gleich nachzuhaken, ob ich eine Mischung (also halb Iranerin, halb was anderes) oder nur Ausländerin sei. Meine Antwort beruhigt ihn, denn mit rein iranischen Frauen will er nichts zu tun haben – „die kosten immer nur Geld“….nach einem kurzen Plausch und der Weitergabe seiner Telefonnummer verschwindet er ebenso ins Nichts aus dem er zuvor gekommen war. Einen Tag später sprudelt der „hot man“ immer noch vor Energie und empfiehlt sich mir sogleich als neuer Ehemann. „Du machst so einen guten Eindruck auf mich, und ich möchte dass wir heiraten und dann irgendwo in Asien oder hier im Iran zusammenleben“, überrascht er mich. Als kleinen Einstieg will er mich zum Essen in seine Wohnung einladen „mit Massage und Rotwein“. Als ich sein All-inklusive-Angebot lachend aber nachdrücklich ablehne, hat er es plötzlich sehr eilig. Er drückt mir noch seine Visitenkarte in die Hand und meint: „Wenn Du Freundinnen in Deutschland hast, die noch keinen Freund haben, kannst Du sie herschicken….“

Frust auf ganzer Linie
Ali* könnte eine Hauch von Hamids Selbstbewusstsein gut gebrauchen. Er ist auf ganzer Linie frustriert und repräsentiert damit vielleicht einen Teil der jungen Männer, die im Iran nicht zur wohlhabenden Klasse gehören. Seit einigen Jahren arbeitet der 32-Jährige im Tourismus, „aber die Auftragslage ist trotz steigender Touristenzahlen dünn“. Wenn man nicht an einen großen Konzern angebunden sei sondern individuelle Angebote mache, sei es schwer. Dass er vielleicht mit einer eigenen Homepage für sich selbst werben könnte, ist ihm noch nicht eingefallen. Das Geld sei knapp, sagt er immer wieder, doch das – so stellt sich nach mehreren Stunden Gespräch heraus – ist nicht Alis größtes Problem. „Ich möchte endlich eine Frau finden, Kinder haben, ich bin ja schon 32 Jahre alt, aber es klappt einfach nicht“, und guckt wirklich sehr traurig. Seltsam, er scheint ein netter Kerl zu sein, ehrlich, rechtschaffen – nun gut, ein bisschen wenig Haare hat er, aber das Problem haben andere Männer auch.

„Erst vor kurzem hatte ich wieder eine Freundin, ich wollte sie heiraten, aber sie hat abgelehnt“, fährt er fort. Ali ist zwar gutmütig, verweigert sich aber einer iranischen Tradition. Er will die Brautabgabe, die sogenannte Mehrieh, nicht bezahlen und weist damit auf ein Dilemma von vielen iranischen Männern. Die Mehrieh, die von der Ehefrau jederzeit verlangt werden kann, ist in den vergangenen Jahren im Iran immer höher gestiegen. Ali sollte umgerechnet mehr als 100-tausend Euro zahlen. Viel Geld, liegt doch das iranische Monatseinkommen knapp über 1000 Euro. Weil sich Männer dazu bei einer Heirat schriftlich verpflichten, findet sich mancher Ehemann inzwischen im Gefängnis wieder. Die Frauen können diese Summe einklagen und machen davon auch Gebrauch. „Aber ich möchte, dass mich eine Frau aus Liebe und nicht wegen des Geldes heiratet“, sagt Ali. Er wünscht sich mehr Freiheit, die Möglichkeit vor der Ehe mit einer Frau zu leben, mit ihr zu schlafen, den Alltag zu teilen, wünscht sich, dass auch sie zum Lebensunterhalt beiträgt. Dass er eine solche Iranerin noch in seinem Land findet glaubt er immer weniger.

Angst vor dem Alter
Das sieht Dariush* viel gelassener. Der 30-Jährige hat es mit einem kleinen Schnellrestaurant zu einem kleinen Wohlstand gebracht. Gerade baut er ein Haus mit Pool „für die Partys am Wochenende“. In sechs Monaten will Dariush heiraten, seine Zukünftige – eine Architektin – will natürlich auch eine Mehrieh „aber nicht so eine hohe“, versichert sie eilig, ohne eine konkrete Summe zu nennen. Als die Freundin noch nicht da ist, erzählt er mir freimütig: „Ich mag meine Freundin, aber ich mag auch Sex, und den gibt es mit ihr noch nicht, deshalb habe ich dafür eine andere“, und zieht sofort das Handy aus der Tasche, um mir seine Geliebte zu zeigen. Die posiert mal mit rosa Schmollmund, mal streckt sie die Brüste im knappen, gelben Shirt raus, mal zeigt sie ihre schlanken Beine in Hotpants. „Alles Plastik an ihr, der Mund aufgespritzt, die Brüste vergrößert“, beschreibt Dariush seine Geliebte, „aber der Sex mit ihr ist super.“ Sie sei eine total freie Frau, Studentin mit einem reichen Vater, alles völlig problemlos. Dass das seiner künftigen Ehefrau gegenüber doch nicht ganz so nett sei, quittiert er mit einem „Ich bin doch ein Mann, ich brauche das, ohne geht nicht.“ Seine Freundin wird mich später fragen, ob es eigentlich in Deutschland (wie im Iran?) auch üblich sei, dass ein Ehemann eine Frau und eine Geliebte habe.

Dass seine Freundin etwas ahnt oder ihm auf die Schliche kommen könnte, glaubt Dariush nicht. Was ihn viel mehr umtreibt ist sein Alter (30) und der damit einsetzende körperliche Verfall. Um den aufzuhalten, hat er sich gerade Haare implantieren lassen. Wo es vorher dünn war, sprießt es jetzt wieder, wenn es auch noch etwas filzig und wenig echt aussieht. Als nächstes will er sich die Augenringe entfernen lassen. Und Dariush ist kein Einzelfall. Das Wartezimmer seines Arztes ist gut besucht.

*die Namen der Protagonisten wurden geändert

Sünnet – langsame Beschneidungsdebatte in der Türkei

Sünnet – die Beschneidung von Jungen ist für die meisten türkischen Eltern eine lange Tradition, die nie infrage gestellt wurde. Der Autor und Journalist Kaan Göktas rüttelt an diesen Grundfesten. Mit seinem Buch „Oldu da Bitti Masallah“ will er Eltern ermutigen, einen anderen Weg zu gehen, denn aus seiner Sicht stecken dahinter vor allem wirtschaftliche Interessen, denn längst ist Beschneidung ein Riesengeschäft. Mit Religion habe sie hingegen gar nichts zu tun. Ich habe ihn und Eltern in Istanbul getroffen:

gesendet unter anderem auf B5 aktuell und DLF

Auch wahrgenommen im Beschneidungsforum

Vor drei Jahren sorgte das Thema auch hierzulande für viel Aufsehen. Mein NDR Info Kollege Arne Meyer hat dazu jetzt eine interessante Recherche geliefert. Mehrere deutsche Ärzte sollen danach tausende Euro an die Krankenkassen zurückzahlen, weil sie nicht ausreichend nachgewiesen haben, dass Kinder nur aus medizinischen Gründen beschnitten wurden.

Vive la France – oder wie Traditionen auch in der Krise gepflegt werden

Beobachtungen aus unserem Nachbarland
Die Übernahmeschlacht des französischen Industriekonzerns Alstom macht es mehr als deutlich: Es steht nicht gut um Frankreichs Wirtschaft.
Schon lange bröckelt die Fassade der Grande Nation:

Die Fassade bröckelt
Die Fassade bröckelt

Dennoch hat es seine liebenswerten Seiten keineswegs verloren. So wird beim Einstieg in den Hochgeschwindigkeitszug TGV (hoppla, schon wieder Alstom) sofort und als Erstes die Speisekarte verteilt, schließlich knurrt der französische Magen pünktlich „entre midi et deux“, und die Mittagspause und ein ordentliches „repas du midi“ ist dem Franzosen immer noch heilig. Im TGV hat sitzt eine Mitfünzigerin mit dicken Brilliantringen und Perlenarmband. Die Haare frisch gelegt blättert sie sich durch den neuesten Klatsch der französischen High Society. Auf gleicher Höhe sitzt ein gut Paar in den 60ern. Beide strahlen diese ganz typische französische großbürgerliche Eleganz und leichte Distinguiertheit aus – würde er doch nur nicht immer die Nase so hochziehen! Sie tut zwar so, als sei sie ganz auf ihre „Monde Diplomatique“ konzentriert, doch in Wirklichkeit brodelt es in ihr: Wie ein Giftpfeil dreht sie plötzlich den Kopf nach rechts und zischt „arrête“. Er reagiert umgehend auf den Gouvernantenton, sie schaut aus dem Fenster und greift sich das Magazin „Mon jardin & ma maison“.

Ob Filme wie „Amelie“, „Delicatessen“, Werbung, Kindermode oder auch einfach ein Schaufenster. Die Franzosen verstehen es, Dinge in Szene zu setzen, Menschen durch ihre Fantasie zum Lächeln und Träumen anzuregen – einen Moment der Freude zu bereiten. Und das können manchmal auch ganz kleine Dinge sein wie hier am Bahnhof in Marseille:

Ein Klavier mitten im HBF
Ein Klavier mitten im HBF

Fast ein wenig stehen geblieben scheint die Zeit in Nizza zu sein. An der bekannten Promenade des Anglais am Wasser zu liegen, ist ganz großes Kino: 16 Euro kostet am Lido Plage die Sonnenliege, das Handtuch nochmal 6 Euro extra. Aber was macht das schon, wer hierher kommt, muss nicht knausern, deshalb liegen vorn auch gern die Russen. Ein hochgewachsene Russin hat sich gerade hingelegt, als ihr Handy klingelt. Ein Notfall? Sie sagt drei Mal ja und zieht sich die strassbesetze Löcherjeans (sicher ein Designerfummel) und die Highheels wieder an. Eine Stunde später ist sie zurück und versucht mit (!) Badelatschen zu schwimmen. Das klappt gerade einen Meter. Nach einer kleinen Shoppingpause (und zwei neuen Einkaufstüten) bestellt sie sich eine große Meeresfrüchteplatte und eine halbe Flasche Sancerre. Eine kleine Investition, kostet hier der Salade Niçoise schon 18 Euro. Die Ukraine-Krise scheint hier ganz weit weg zu sein. Langsam schiebt sich die Russin hintereinander drei Garnelen in den Mund, spült mit dem Weißwein nach, die restlichen Meeresfrüchte wandern zurück in die Küche. In Nizza gibt es nicht nur eine russisch-orthodoxe Kirche, auch viele Restaurants haben inzwischen Karten auf Russisch. Am Cap Ferrat hat sich Oligarch an einem Meereshügel eine Villa über drei Ebenen bauen lassen. Und die Franzosen fragen sich: Wo kommt bloß das ganze Geld her. Am Lido Plage sitzen sie – wenn überhaupt – nur in der zweiten oder dritten Reihe.

Ganz vorn liegen inzwischen auch zwei kalkleistige Amerikanerinnen mit Orangenhaut und Häkelkleid. Während die eine lautstark belangloses Zeug faselt, ruft die andere in Richtung Kellner: „Zwei Veuve Clicquot“. Der Kellner erklärt ihnen in feinstem Südfranzösisch, dass diese Marke Champagner nicht geführt wird. Die beiden haben plötzlich Fragezeichen in Augen – doch der gewiefte Kellner schwatzt ihnen gekonnt die andere Marke auf. Hauptsache Schampus!

Eine Engländerin stellt sich derweil direkt vor eine in die Jahre gekommene Botoxblondine, die ihre Tage offensichtlich zwischen Strand und Schönheitschirurg verbringt, obwohl das auch nicht mehr viel bringt. Ein kleines Selfie mit sich und dem Weinglas, welch‘ wunderbare Urlaubserinnerung an den Lido Plage!

Na, ist das Foto auch was geworden?
Na, ist das Foto auch was geworden?

Nach diesem Ausflug sind die Taschen leer, naja nicht ganz, zum Schluss kann man sich ja doch nochmal was Besonderes gönnen. Einen Besuch in der Beauty Bubble am Charles de Gaulle

Schnell noch Haare schneiden
Schnell noch Haare schneiden